Bürokratie in Haiti

Bürokratie - Die Deutsche Botschaft und andere Ungereimtheiten

Umgezogen

Eine lapidare Mitteilung an der alten Anschrift: "Wir sind umgezogen!" Nach Petion-Ville Bourdon, einem Vorort oben in den Bergen. Vielleicht nach dem neuen Motto: "Nicht die Beamten sind für den Bürger da - sondern die Bürger für die Beamten?" Keine Residenz zentral für die Bürger, die sich hierher ins ferne Haiti gewagt haben, sondern eine gut versteckte Anlage in den Bergen; bestimmt großzügig bemessen, mit viel Parkraum für die großen Mercedes-Limousinen der Angestellten.

Das Fremden-Verkehrsamt, ein paar Schritte neben der alten Residenz der Deutschen Botschaft, ist nicht informiert. "Aha", denkt der unbedarfte Bürger, "das ist wegen der Sicherheit. Damit Böse Buben die Botschaft nicht finden."

Also setze ich mich in die Cambionette, einen Kleinbus, der als Taxi fungiert, und fahre gen Berge. Ich habe Glück, daß ich einen Platz bekomme; und ich habe Glück, daß das Taxi mit neunzehn Personen knüppeldickevoll ist. so hält der Fahrer nicht so oft an, sondern fährt zügig hinauf aufs Hochplateau.

An der Endhaltestelle stehe ich dann herum. Wie weiter? Eine Frau im Supermarkt bezweifelt, daß die von mir gesuchte Straße hier ist. Vielleicht weiter unten zur Stadt hin?

Ein Einheimischer macht mir Mut. "Dort oben liegt die Botschaft". Den Straßennahmen kennt er nicht; aber er ist sich wegen der Botschaft so gut wie sicher. Ein Taxi ist nirgends zu sehen. Es ist früh am Morgen. Alle streben der Arbeit oder der Schule zu.

Für viele andere, besonders für diejenigen, die kein französich sprechen, wäre die Suche hier zu ende. Doch ich verlasse mich auf den Mann, der zusammen mit anderen ausdiskutiert hat, wo die Botschaft liegen könnte. Es ist früh am Morgen, acht Uhr, noch nicht so heiß wie später am Tag. Ich marschiere wie empfohlen die zweite Straße rechts hoch. Sie steigt hoch und höher. Zwischendurch frage ich immer mal wieder. Manche wissen nichts, andere deuten weiter den Berg hinauf. Den Straßennamen kennt niemand, aber die Deutsche Botschaft, ja, die müsse dort oben sein, weiter in den Bergen. ein Mann begleitet mich ein Stück. "Dort oben", sagt er, "dort ist die Botschaft".

Doch dort oben ist die Straße zu Ende. "Rien ne va plus", würde der Franzose sagen, "nichts geht mir". Nur ich gehe, und zwar den Berg hinunter, den ich gerade vorher so mühsam hinaufgegangen bin.

"Die Deutsche Botschaft? O, ja, die liegt dort oben". Dabei zeigt der Mann ein Stück weiter nach links. Bin ich vielleicht eine Querstraße zu weit rechts gelandet? Das hört sich vielversprechend an. Ich gehe also meine Sackgasse bis zum Ende hinunter und die nächste rechts hinauf. "Klar, dort oben liegt die Botschaft", sagt ein Junge und geht mit mir ein Stück des Weges. Dann läßt er mich allein und ich steige und steige. Es wird steil und steiler. Ich schaue mich um; niemand zu sehen. Ich halte ein Auto mit einem Weißen an. Er spricht nur englisch und weiß auch nicht weiter. "Frag doch die Leute dort im Haus", sagt er, "das sind Belgier. Die wissen vielleicht weiter".

Das Haus ist überall mit großen Schlössern versperrt. Also gehe ich ins Nachbarhaus. Ich klopfe an die Tür. Nieman öffnet. Ich höre Stimmen hinter dem Haus und gehe dorthin. Ein Mädchen wäscht ab, ein Mann staunt mich an. "Ich sage der Madame bescheid", sagt das Mädchen. Es dauert und dauert. Soll ich wieder gehen? Aber dann sage ich mir, je geduldiger ich jetzt warte, desto schneller geht es. Also warte ich weiter.

Madame kommt. Sie spricht englisch. "Dort oben", und dabei zeigt sie weiter den Berg hinauf, "liegt die Schweizer Botschaft". Klar, das hätte ich mir auch denken können. Die Schweizer Beamten machen es ihren Bürgern noch schwerer, sie zu finden!

Soll ich weitergehen und dort weiterfragen? Ich bin unschlüssig. Noch weiter den Berg hinaufsteigen?

Die Frau geht ins Haus zurück. Ich gehe nach vorn. doch dann gehe ich wieder zurück. "Darf ich telefonieren?" Zum Glück habe ich die Telefonnummer dabei. die Frau holt ihr ultramodernes funktelefon. Es funktioniert nicht. Der Strom ist gerade mal wieder ausgefallen. "Aber unten in der Garage gibt es noch ein normales Telefon". Es funktioniert.

Besetzt. Auch beim zweitenmal. doch beim drittenmal klappt es. ein Haitianer meldet sich. "Sprecht ihr Deutsch?" frage ich. Welch eine Frage! Natürlich spricht er kein Deutsch. Warum auch sollte der Telefonist der Deutschen Botschaft in Haiti Deutsch sprechen? Er spricht krealisch und französisch. Das ist immerhin besser als ein Anrufbeantworter.

Ich sage ih, wo ich bin. Er sagt mir auf französisch, daß ich den Berg wieder hinunter müsse. Dann, wenn die Straße einen anderen Namen annimmt, wäre es die erste Straße rechts und dann wieder die erste links.

Also marschiere ich locker den Berg hinunter. Die Straße mündet in die Rue Metellus. Und dort soll es die erste rechts ein? Doch rechts ist keine Straße. Weiter und weiter gehe ich den Weg hinunter, den ich eine Stunde vorher so mühsam hinaufgegangen bin. Dann endlich taucht eine Querstraße auf. Die Rue Toureau. Ich erinnere mich. Die hat der Mann am Telefon erwähnt.

Der gleiche Mann, der mich vorhin zusammen mit anderen den Berg hinaufgeschickt hat, sitzt noch immer am Straßenrand. "Dort ist die Botschaft", sage ich und zeige die neue Richtung. "Ach, so" sagt er.

Endlich bin ich richtig. Die nächste Querstraße ist die Gesuchte. und auch das Gebäude ist schnell gefunden. Große, weiße Mauern, Stacheldraht: eine uneinnehmbare Festung!

Ich gehe ungehindert durch die kleine Tür neben dem Riesentor und hinüber ins Botschaftsgebäude. Niemand hält mich auf, niemand spricht mich an. Vrlassen sich alle auf ihren Wachposten? Ist der vielleicht gerade pinkeln?

Der Telefonist von vorhin kommt in den Warteraum und begrüßt mich. Der Mann, den ich sprechen möchte, ist noch nicht da, sagt er und verschwindet wieder. Der Mann kommt zwanzig Minuten später, zusammen mit dem Botschafter. Er lacht freundlich den Botschafter an und nickt aufmerksam zu dessen Worten. Beide gehen ins Haus. Ich sitze und warte weiter.

Dreißig Minuten später nicke ich durch das kleine Besucherfenster einer Frau, die in der Weite des Gebäudes auftaucht. Sie ist die beste Werbung dafür, mehr Frauen bei den Beamten einzusetzen: wie eine Fee errät sie, daß ich noch einen Wunsch habe, kommt ans Besucherfenster und, als die merkt, daß eine Unterhaltung dort hindurch etwas mühsam ist, außen um das Gebäude herum zu mir.

Sie entschuldigt sich. Wofür? Dafür, daß mich die Männer fast eine Stunde lang hier haben sitzen lassen? Ich hätte ja auch Krach schlagen können; dann wäre ich vielleicht eher beachtet worden.

Sie bringt mich sofort zu meinem Gesprächspartner und bietet mir sogar an, daß ich ein wenig an der Verschönerung des Hauses mitarbeiten könne. Aber der Mann, der noch vor einer halten Stunde so freundlich lächelnd den Ambassadeur umgurrt hat, hat die Maske gewechselt: jetzt ist er der Schwerbeschäftigte, der total Überarbeitete, der im Streß Stehende! Und das zeigt er gekonnt wie ein Profi. Nur mühsam gibt er mir Antwort auf meine vier Fragen. Seine Erleichterung, daß ich nach ein paar Minuten endlich gehe, ist nicht nur sichtbar, sondern auch fühlbar. Na, ja, jeder hat mal seine Tage und das Recht, dieses laut (oder unhörbar) allen anderen mitzuteilen.

Um elf Uhr bin ich wieder Richtung Zentrum unterwegs. Ich liege gut in der Zeit. Es läuft alles nach Plan.

..und hier der Bericht einer Botschaftsangestellten auf Grund meines Berichtes (oben)
"BEAMTER ÄRGERE DICH NICHT"
eine Abwandlung des bliebten Würfelspiels...

Vor einiger Zeit war unsere Botschaft noch ganz unten am Hafen von Port-Au-Prince. Ich hatte dort, wenn auch durch Staubschleier, einen traumhaften Blick auf etwas Meer und zwei Palmen, sogar den Anlegeplatz der Hapag-Lloyd Schiffe sah man. Du hüpft das Herz bei jedem Stückchen Heimat, das dort anlegt... fast so, wie wenn ein LKW vorbeifuhr; denn der Boden, auf dem das Gebäude stand, war hohl und erzitterte bei jedem Brumi heftigst. Oh good vibrations..

Das beste an dieser Lage war jedoch, daß - wann immer Unruhen heftigerer Art sich ankündigten - man die Wahl hatte, dort zu übernachten oder sich schleunigst auf den Nachhauseweg zu machen, bevor dieser gesperrt wurde. Das taten nämlich auch alle Kaufleute und die berühmte Cite de l`Exposition verwandelte sich in ein Geisterviertel. Meist machten wir uns zu spät auf den Weg und auf den Zufahrtsstraßen zu den höher liegenden Wohngebieten waren bereits Barrikaden. Da ein Beamter sich meist vor lauter mangelnden Arbeit zu Tode langweilt, erdachten wir uns ein Spiel: Außer brennenden Riefen auf den Straßen flogen hin und wieder auch dicke Steine, wer davon die meisten auf die Karosserie bekam, hatte gewonnen. Zerschlagene Scheiben brachten Extra Punkte, waren Ersatzscheiben vorort nicht zu erhalten, gabs einen Bonus. Da hat der dicke Dienstwegen-Benz einmal kräftig abgesahnt! Eine Kollegin, deren neue Scheibe beim Einbau in der hiesigen Vertragswerkstatt gleich wieder sprang, erhielt hingegen nur einen Trostpreis.

Blieben die Unruhen aus, was doch zum Glück überwiegend der Fall war, gabs dafür Staus. Wer für den Anfahrtsweg von 12 - 14 km mehr als 50 Minuten brauchte, erhielt einen Bonus. Wer keinen Parkplatz bekam kassierte Minuspunkte; konnte die aber wieder ausgleichen, zum Beispiel durch geklaute Radkappen (0,5 Punkte), Tankdeckel (mit Schloß 2 Punkte, ohne 1 Punkt), Auto-Radios (bis zu 4 Punkten) etc.. Meine Freundin Irmela wurde einmal von einem Taschendieb die Treppe runtergeschleift, weil sie ihren Korb nicht loslassen wollte (dabei brachte der Verlust von pers. Papieren ganze 9,5 Punkte!). sie hat dann aber immerhin für die aufgeschlagenen Knie, die zerressenen Hosen und das verstauchte Handgelenk `ne Menge Punkte an einem Tag kassiert. Das war schon eine schöne Zeit!

Doch dann hat uns der Dienstherr dieses Spiel verboten und uns zur Strafe in die Berge verbannt. Wir bauten die ehemalige israelische Botschaft um: hohe Mauern hatten die und Stacheldraht, Fernsehkameras, eine enge, völlig schußsichere Eingangsschleuse... viel zu sicher. Wir haben kräftig umgebaut: für eingerissene Mauern gabs 2 Punkte, für neu aufgebaute = 3, für jedes neue Fenster 1,5 usw. usw.. Dabür, daß diese Arbeiten in 2 staat 6 Monaten fertig waren, gabs allerdings nichts.
Doch irgendwie war das alles langweilig.

Wir haben daher wieder was Neues: in der Hoffnung, daß niemand unsere großen Anzeigen mit neuer Adresse und Tel.Nr. in Zeitungen und Fernsehen bemerkt hat, verteilen wir nun Punkte für Besucher. Ortskundige zählen 1, Dienstreisende 2, für Freunde gibts Minuspunkte. Am meisten kriegt man für die ganz seltenen Exemplare: deutsche Touristen! Dafür gibts gleich 10 Punkte auf einmal!

Leitztens war tatsächlich solch ein Punkte-Wunder aufgetaucht. Ich entdeckte ihn, es war ein ER, in unserem neuen Warteraum. Erst traute ich mich nicht, dann habe ich ihn aber gefragt. Leider bestand er darauf, den Kollegen Wisgirdatis zu sprechen. Sogar dessen Namen sprach er richtig aus. so meinte ich natürlich, es wäre ein Freund von ihm und dachte schon hämisch an den Minuspunkt, den er dafür notiert bekommen würde. Weit gefehlt, der Besucher war ein deutscher Reisender, 10 Punkte!! Die hat natürlich dann der Wisgirdatis gekriegt, so ein Ärger. Das nächste Mal passe ich besser auf, jetzt, wo unser deutschsprechender Telephonist wieder da ist und der Wächter nicht mehr so oft pinkeln geht, wird ihn schon einer in mein Büro führen - falls er wiederkommt. Schließlich sind Touristen selten und bei deren zweiten Besuch zählen sie immerhin noch ganze 5 Punkte. Das wäre mir fast einen Kaffee wert...

Ich war erstaunt und betroffen. Stimmt dieser Bericht? Doch nach meiner Nachfrage stellte sich heraus, daß er hauptsächlich des (lustigen) Effekts wegen so geschrieben wurde. Die geworfenen Steine, nun in fünf Jahren darf mal ein Stein geworfen werden. Der geklaute Mercedes-Stern, das passiert überall. Und der entrissene Korb: nur ein einziger in fünf Jahren! Da scheint mir eine Großstadt wie Berlin krimineller. Und dann die eingerissenen Mauern: davon habe ich wirklich nichts bemerken können.

Boris Becker

Ganz toll fand ich die Reaktion der Botschaftssekretärin auf meinen Bericht über die Suche nach der Residenz: ein eigener Bericht aus ihrer Sicht und ein paar persönliche Zeilen an mich, weil sie sich sehr über diese Zuwendung gefreut hat.
Freude ist für jeden schön, denke ich und: wer Freude gibt, bekommt manchmal auch etwas zurück. Nicht immer Freude, manchmal nur einen Kaffee wie ganz zurückhaltend, ganz Diplomat, in den Zeilen mit anklang.
Da ich mich noch in dem Alter befinde, in dem Einladungen schöner Frauen, und seien sie noch so dezent ausgesprochen, meine Fantasie zum Schwingen bringen, mache ich mich einen Tag nach meiner Ankunft in der Hauptstadt auf den Weg zur Botschaft.

Es ist Rosenmontag, sieben Uhr morgens. Im Hause rührt sich nichts. Gary, der Sohn, ist um drei Uhr Nachts zurückgekommen. Zusammen mit zigtausend anderen ist er durch die Straßen marschiert, hat getanzt und sich ausgetobt. Seine Mutter hat das Spektakel bis in die Morgenstunden im Fernsehen angeschaut: Leben aus zweiter Hand.

Ich mache mir Frühstück, nehme meine Trompete und gehe Richtung Innenstadt. Die Post hat geöffnet. Quelle plesier... Sie hätte ja auch, wie mancherorts in Deutschland üblich, an diesem Tag geschlossen sein können. Was wohl die Diplomaten an diesem Festtag machen?

Der Weg zur Botschaft ist mir vertraut: mit der Cambionette nach Petion-Ville, dann ein kleiner Fußmarsch. Unterwegs ein Straßenhändler mit Blumen. Er schenkt mir eine zu klein geratene. Ich bedanke mich mit einem Lied auf der Trompete.

Diesmal ist, deutsche Gründlichkeit, nicht nur das große Tor fest verschlossen, sondern auch das kleine. Und wo, bitte schön, sind die (angeblich) eingerissenen Mauern?

Ich rüttel am Türknauf. Eine schmale Sichtluke öffnet sich und ein ersthaftes Gesicht in türkisch-Mokka schaut mich fragend an. Ich versuche es mit Deutsch. Das Gesicht wird, obgleich nur der Augen-Mund-Ausschnitt zu sehen ist, spürbar länger. Aha, ich verstehe, warum sollte der Wächter dieser Residenz, die gar keine ist, aber das erfahre ich erst später, der deutschen Sprache mächtig sein. Also versuche ich es mit französisch und bitte ganz höflich um Einlaß.

Das überfordert ihn. "Ich werde fragen", sagt das Gesicht. Das Fensterlein schließt sich. Wer ist ein und wer ist ausgesperrt, denke ich. Aber an einem solch schönen Tag soll sich niemand die gute Lauene verderben. Also setze ich meine Trompete an und blase altdeutsche Lieder in den haitianischen Himmel: Das Lieben bringt groß Freud, Horch wer kommt von draußen rein, Wem Gott will rechte Gunst erweisen...

Immer mal wieder, zwischendurch, öffnet sich das Fensterlein und ein neues Gesicht schaut heraus. Soll ich deshalb die schönen deutschen Lieder mittendrin unterbrechen?

Wieder rettet mich die Fee. Und diesmal schon nach sechseinhalb Minuten. Sie ist, durch die Trompenklänge neugierig gemacht, vors Haus gegangen und hat, weil ihr die Wächter keine brauchbare Auskunft geben konnten, selbst einen Blick durchs Guckloch geworfen. dort sieht sie zweierlei: zum einen mich, der gerade "Macht hoch das Tor, die Türe weit..." anstimmen will und einen Botschaftsangestellten, der mit seinem Jeep schon einige Minuten auf Einlaß wartet und dann noch länger warten muß, weil die drei Haitianer, die sich beratend hinter dem Tor befinden, ihn überhaupt nicht beachten. Haben sie vielleicht etwas von den "Trompeten von Jericho" gehört und befürchten, ich könnte mit meinem Instrument die Mauern zum Einsturz bringen?

Nur auf die mehrmalige und ernsthafte Anweisung der Sekretärin öffnet sich schließlich die kleine Tür. Der andere in seinem Jeep wird immer noch nicht beachtet. Ich erlebe zum erstenmal, daß meine kleine Trompete mehr Aufsehen, als ein neues, chrombilitzendes Auto, erregt.

Die Sekretärin erinnert sich meiner und daran, daß sie mir einen Kaffee angeboten hat. Sie führt mich ins Botschaftsgebäude. Dort erfahre ich, daß das von mir zu sehen gewünschte Piano nicht in der Botschaft, sondern in der Residenz steht. Der Botschafter residiert nämlich nicht in der Botschaft, sondern in einer weiter entfernten Residenz. Klar! Wieso bin ich darauf nicht selber gekommen? Aber wozu dann die Botschaft...?

Zielstrebig führt mich die Fee zu ihrem Kollegen, dem Chancelier. ein kurzes Aufleuchten in seinem Gesicht, dann, als er mich näher betrachtet, barfuß, kurze Hose, in der Hand eine Trompete, erlischt dieses Aufleuchten in Bruchteilen von Sekunden. die Hand, die er mir halb flott, halb mühsam entgegengestreckt hat, wird sofort schlaff und sein Gesicht, welches mir ein paar freundliche Worte, gern auch im Sinne diplomatischer Unverbindlichkeit hätte sagen können, wendet sich abrupt meiner Begleiterin zu und bittet um Aufklärung zu einem Aktenvermerk. Ich, ganz Bürger, ganz Untertan, trete drei Schritte zurück.

Meine Begleiterin hat den Aktenvermerk aufgeklärt und geht auf ihr Büro zu. "Bitte noch einen Kaffee", fordert sie vom einheimischen Angestellten. Wir setzen uns. Fragen werden gestellt und beantwortet, Schubladen aufgezogen und erhaltene Informationen abgelegt. "Ein Aussteiger also", stellt sie mit der Unbekümmertheit ihrer Jugend fest, nachdem ich ihr von meinen Hobbies, dem Schreiben und Musizieren, berichtete und nicht davon, daß ich Intendant der Niedersächsischen-Theater-Festspiele bin. Wie sie mich wohl dann eingestuft hätte? Oder wenn ich ihr von meinen Schallplattenproduktionen in Italien berichtet hätte...

Der Kaffee kommt. Zucker fehlt. Milch gibt es nicht. "Bestimmt ist sie nicht im Jahr der Ratte geboren, denke ich und hole meine Tüte mit Milchpuder aus der Tasche. Der Diener bringt ihr den erbetenen Zucker.

Nach den ersten Schlucken legt sich die Kaffeesucht in uns verzückt auf ihre gkroße Traumwiese und überläßt uns das Sagen. Weitere Fragen nach dem Wohin und Woher werden gestellt. Ich erfahre, daß der Bericht über die Situation der Mitarbeiter der Botschaft nur zu einem Teil stimmt. Sie erfährt, daß ich meine (Zweite) Midlife-Crisis auslebe. Über Haiti spricht sie wie jemand, der sich hinter großen Mauern vorm Leben versteckt. Sie bedauert, daß Haiti sich so schlecht entwickelt: will sie noch mehr Autos, noch mehr Fabriken, noch mehr Dreck? Sie mißbilligt die Slums: ja, junge Frau, warst du denn schon mal in einer dieser Hütten? Ich habe dort Monate mit Einheimischen zusammengelebt und dabei viel Hilfsbereitschaft, Zuwendung und keinerlei Kriminalität kennengelernt. Möchtest du stattdessen Sozialbauten, wie bei uns in Deutschland, wo sich abends nieman heraustraut? Wo Raub, Diebstahl, Brand, Vergewaltigung und Zerstörung zum täglichen Leben gehören? Sie spricht über die Unruhen in Haiti. Waren es fünf oder waren es zehn Tage in den letzten zwei Jahren? Und eine kaputte Autoscheibe, ein geklauter Mercedesstern und ein entrissener Einkaufskorb...

In Deutschlands größter Stadt, Berl,in, ist im gleichen Zeitraum hundertmal mehr passiert: brennende Autos, Plünderungen, Verkehrstote, massive Polizeieinsätze und tägliche Taschendiebstähle. Will sie hier die gleichen Zustände? Will sie verdreckte Flüsse, vergiftete Meere? Will sie, daß sich der Himmel verdunkelt und die Seelen der Menschen, wie in Deutschland, Schaden erleiden? Sollen die Haitianer wie die Deutschen werden, stumpf und teilnahmslos?

Man muß sich das einmal vorstellen: am Rosenmontag erklingen vertraute Trompetenklänge vor der Deutschen Botschaft; und, außer einer neugierigen Sekretärin, keinerlei Reaktionen: nicht einer der Mitarbeiter hat dafür ein Wort oder eine Geste übrig, keine Ablehnung, keine Zustimmung. Ist es Stumpfsinn? Ist es erloschene Lebensfreude? Oder Angst vor etwas Neuem? Oder erwarte ich zuviel? Liege ich falsch ? Sind Aktennotizen wirklich so viel wichtiger...?

Was sagt Matthias Claudius in seinem Gedicht "Der Mond ist aufgegangen" in der vierten und fünften Strophe dazu? Man bedenke, vor zweihundert Jahren geschrieben...

Nach dreißig Minuten ein dezenter Blick zur Uhr. Ich verstehe. "Ich trinke aus und gehe", stelle ich fest. "Nein, nein", versucht sie ihr kleines Mißgeschick zu vertuschen. "es ist nur, weil ich noch ein paar Leute telefonisch erreichen muß..." Und außerdem kommt Boris Becker. Er besucht gerade einen Freund in Haiti und möchte anschließen einen Scheck abgeben.

Für ein Waisenhaus. "Da muß ich mich um ihn kümmern". Obwohl, eigentlich mag sie ihn nicht, aber der Scheck macht ihn symphatischer. Soll ich vielleicht beim nächstenmal mit Scheck...?

Stattdessen bekommt sie von mir zum Abschied die kleine Blume. die Luftballons und Herzaufkleber, eines Rosenmontags würdig, lasse ich in der Tasche.

Der Chancelier, mit dem ich mich noch vor drei Monaten so persönlich und so voller Rührung angesichts der deutsch-deutschen Grenzöffnung im Dezember 1989 unterhalten habe, macht bei meinem Fortgang überhaupt keine Anstalten einer persönlichen Geste. Er kontrolliert stattdessen, ob das rote Licht, welches anzeigt, daß der Notstromgenerator, der sich vor ein paar Minuten voller Getöse eingeschaltet hat und das Gebäude mit dem Geräusch einer mittelgroßen Maschinenfabrik erfüllt, in Betrieb ist, auch pflichtgemäß aufleuchtet.

Mit einem Abschiedslied auf der Trompete verlasse ich diese typisch deutsche Stätte. Schade, daß sich der haitianische Geist des menschlichen Miteinander in diesen Räumen noch nicht ausgebreitet hat. Aber die Botschaft ist jung. Man muß ihr, wie jeder neuen Sache, Zeit zur persönlichen Entwicklung geben.

Ich werde im nächsten Jahr noch einmal vorbeischauen...

Bürokratie

Mit meinem Visum darf ich neunzig Tage im Land bleiben. Ich möchte jedoch zwei Wochen länger bleiben. Also gehe ich brav und vor Ablauf meines Visums zur Immigrationsbehörde. Im Vorraum sitzen sechs Personen vor ihren Schreibmaschinen. Hier werden die Leute nicht, wie in Deutschland üblich, mit ihren Anträgen nach Hause geschickt, sondern sie können diese Anträge hier im Vorraum der Behörde von Profies ausfüllen lassen und sie gleich danach wieder abgeben.

Ich als Weißer darf eintreten. ein Mann mit einem Dienstausweis bringt mich in ein Zimmer mit vier Mitarbeitern. Der Sachbarbeiter erklärt mir, warum ich einen Antrag ausfüllen muß. "Sie bleiben länger als neunzig Tage." Das verstehe ich als Deutscher, weil auch bei uns alles durch die Bürokratie geregelt ist. Zeile für Zeile erklärt er mir, was ich eintragen soll. Zehn Zeilen sind es, schnell ausgefüllt.

Der Mann stutzt, als ich sage, daß ich heute noch zurück in die Berge fahren möche. Die Bearbeitungszeit dauert einen Tag. Er berät sich mit einem Kollegen und erfüllt mir meine nichtausgesprochene Bitte: "Ihr könnt heute um ein Uhr dreißig Mittags zurückkommen".

Der Mann, der mich hereingeführt hat, steht auf. Er erklärt mir auf dem Weg nach draußen, daß ich zwei Paßfotos haben muß und fünfzig Dollar bezahlen muß. Ich könnte aber ihm das Geld geben, dann würde er alles erledigen und ich könnte beruhigt gehen.

Auf der anderen Seite ist ein Fotograf. Ich bezahle die Sofortbilder und gleich danach den freundlichen Beamten. "Bis halt Zwei", bestätigt er mir noch einmal, "ist alles erledigt!"

Welch ein wunderbarer Service. Fünfzehn Minuten hat mich dieser Behördengang gekostet. Ob wir unsere deutschen Beamten mal zu den haitianischen Beamten in die Lehre schicken können?

Zehn Minuten nach Eins bin ich da. Freundlich gibt mir der Beamte meinen Paß zurück sowie ein Papier, welches aussagt, daß ich weitere neunzig Tage im Lande bleiben darf.

Nachtrag: Später erfahre ich, daß ich ein solches Stück Papier überhaupt nicht brauche. Nieman schaut es sich an, niemand weiß damit etwas anzufangen. Und außerdem kostet es nicht fünfzig Dollar, sondern nur fünfzehn. Der Rest ist in der Tasche des freundlichen Beamten gelandet. Ich hätte überhaupt nicht hingehen müssen, denn das Ausreisevisum, welches ich eigentlich haben wollte, habe ich nicht bekommen; schließlich war meine Aufenthaltsgenehmigung noch gar nicht abgelaufen...

So habe ich lediglich für fünfzig Dollar die Illusion von Sicherheit gekauft. Und das ist doch billig? Oder?

Brot für die Armen

Haiti gilt als das ärmste Land der westlichen Welt. Nun, ja, ich kenne den Berechnungsfaktor nicht.

Horden von Institutionen, die in Europa mit ihrem Plakat, auf dem ein hungerndes Kind zu sehen ist, Geld einsammeln, möchten ihr Geld hier in Haiti den Armen zugute kommen lassen. doch wie?

Das beste wäre, ein Mann dieser Organisation würde kommen, das Geld mitbringen und es direkt an die Menschen verteilen. Doch bei dieser Idee sträuben sich die Haare der Bürokraten. Das könnte doch nicht gemacht werden und überhaupt, wer kontrolliert, ob die Kinder tatsächlich hilfsbedürftig sind...

Und außerdem, aber das sagt niemand, wäre dann ja ein Großteil der Organisation überflüssig. Aber will das jemand...?

Unsere Organisation macht es anders. Sie findet hier in Haiti einen Pastor, der ein Krankenhaus für die Armen bauen möchte. Ja, das ist doch was. Zuerst kommen Vertreter unserer Organisation angereist und schauen sich den zukünftigen Platz an. Befriedigt reisen sie wieder ab. Sie haben festgestellt, daß in Lascahobas nur ein kleines, mickriges Hospital existiert. Ein zweites, großes, schöneres muß her.

Die Organisatoren wissen, daß die Leute hier mit Geld nicht unbedingt so umgehen, wie sie es sich wünschen. Also wird ein Konto bei der staatlichen Bank eingerichtet. Beim Umtausch des Geldes macht die Bank einen Schnitt von dreißig Prozent. Das heißt, hätte jemand dieses Geld irgendwo auf der Straße getauscht, hätte er dreißig Prozent mehr bekommen. doch auch mit diesem Geld entsteht langsam, Stein auf Stein, das Gebäude für das zukünftige Hospital. Immer wieder kommen Vertreter der Organisation und überzeugen sich vom Fortschritt der Anlage, auf Kosten der Spender selbstverständlich.

Das Gebäude wird groß und größer. Und auch der Pastor wird zum persönlichen Wohltäter: ein Auto für den Bruder, einen Kühlschrank für die Schwester, einen anderen für den Freund und ein geländegängiges Auto für sich selber. Man ist ja wer und überhaupt...

Dann steht das Gebäude und auch die Nebengebäude sind bezugsfertig. Die deutschen Investoren sind begeistert. Trotz der Abzüge durch die Bank und den privaten Investitionen des Pastors, von denen sie selbstverständlich nichts wissen, ist der Preis dafür viel geringer als ein gleichwertiger Bau in Europa. Jetzt wird Krankenhausmaterial eingekauft, sehr zur Freude der Organisation. Denn bei diesem Einkauf sind Vermittlungsprovisionen fällig. Und die werden geschickt auf die Angehörigen der Mitarbeiter verteilt. Auch der Transport wird von Deutschland aus bezahlt, fällige Vermittlungsprovisionen geschickt verteilt.

In Haiti ist der Pastor zuständig. Den Transport all der medizinischen Geräte übernimmt ein Schwager von ihm, der unerklärlicherweise plötzlich über einen Kleintransporter verflügt. Nur geringfügig verfügt er über die ihm anvertrauten Waren: ein paar Medikamente an den Freund, ein paar Bestecke an den anderen, gegen ein geringes Entgelt.

Das Krankenhaus ist fertig. Ärzte und Pflegepersonal sind eingestellt. ein Vertreter der deutschen Organisation ist bei der Einweihung dabei. Jetzt, so ist abgesprochen, kann der Pastor selber für die Fortführung der Arbeit im Hospital garantieren. Eine letzte Geldsumme seitens der deutschen Organisation wird übergeben. Fotos werden geschossen, die später, auf Hochglanzbroschüren gedruckt, von der eindrucksvollen Arbeit der Organisation künden...

Es ist jetzt ein Jahr später. Die Gebäude stehen einsam und verlassen im Sonnenlicht. Die letzte Geldüberweisung, die für ein ganzes Jahr den Fortbestand des Krankenhauses sichern sollte, hat nur zwei Monate gereicht. Schon dann konnten die geringen Gehälter der Ärzte und Krankenschwestern nicht mehr gezahlt werden. Der Pastor hatte wichtigere Ausgaben zu leisten, diesmal an seinen anderen Schwager, an seine anderen Schwestern, an drei Neffen.

Alle Gerätschaften des Krankenhauses sind jetzt verschwunden. Verkauft oder einfach so mitgenommen von dem Personal, welches noch ein paar Wochen ohne Bezahlung gearbeitet und immer gehofft hat, die Organisation werde weiteres Geld schicken. Doch die hat jetzt ein neues Projekt im Senegal. Der Freund des Vorsitzenden kennt dort jemanden, der jemanden kennt, der...

Das Patenkind

Nach drei Monaten Aufenthalt hier in Haiti mache ich mir Gedanken über sinnvolle Hilfe. Zum Beispiel: Altkleidersammlung.

Die Klamotten werden bei uns gesammelt und in riesigen Ballen hierhergebracht und billig auf den Märkten verkauft. Dabei richten diese Klamotten großen Schaden an: Schneider finden keine Arbeit mehr, die Menschen verlernen das Schneiderhandwerk; weil sie nicht mehr selber schneidern, sondern lieber die billigen Klamotten kaufen. Stoffe werden nicht mehr gebraucht, Baumwolle wird weniger (oder gar nicht mehr) angebaut. Hört auf mit der Altkleidersammlung, sonst macht ihr dieses Land noch ärmer!

Baumaschinen werden hergeschickt. Sie kosten teures Importöl und später teure Ersatzteile. Und was die Maschinen schaffen, dafür braucht man keine Leute mehr. Bei uns im Ort verrotten gerade zwei nagelneu aussehende...

Autos und Lastwagen bringen Mensch und Ware schnell von einem Ort zum anderen. Sie fördern aber auch das Bedürfnis, in der fernen Stadt sein Glück zu suchen und den häuslichen Hof zu verlassen.

Erbsen und Reis werden hierhergebracht, entweder als Hilfe, umsonst, oder billig aus Überflußproduktion. Doch diese Waren machen die Strukturen kaputt. Es gibt keine voraussehbaren Zeiten des knappen, und damit teureren, Warenangebotes mehr. Die Menschen verlernen es, Vorratswirtschaft zu betreiben. Das führt dazu, daß Familien jeden Tag neu einkaufen müssen; also auch dann, wenn die angebotenen Waren teuer sind. Dadurch steigen die Lebenshaltungskosten. Hört also auf, billiges Getreide hierherzuschicken, sonst macht ihr dieses Land noch ärmer!

Die Deutschen haben hier als Wirtschaftshilfe ein Strom-Kraftwerk gebaut. Warum? Nur um abends zwei Stunden lang elektrisches Licht zu haben? Nein, die Leute sollen sich, natürlich, einen Fernseher, einen Kühlschrank kaufen. Bei fünf Prozent Zinsen pro Monat ein schönes Geschäft für die Banken. Und dann die Stromkosten später; von den Leuten hier weiß keiner, wie hoch die Stromkosten für eine Kühltruhe sind. Hört auf damit, den Ländern der Zweiten Welt kostenlos Strom zu legen, sonst macht ihr dieses Land noch ärmer.

Schule: endlich ist etwas gefunden, das kann nur gut sein! Eltern geben viel Geld aus, damit ihre Kinder die Schule besuchen können: Schulgeld, Bücher, Unterkunft und Verpflegung in der fernen Stadt. doch später folgt die Ernüchterung. Selbst in Deutschland finden lange nicht alle Abiturienten oder Studierte eine Arbeit. Hier sieht es noch viel trostloser aus. Dann kommen die Kinder zurück und fallen der Familie hier zur Last, weil sie es inzwischen verlernt haben, einfache Hausarbeit zu verrichten; oder weil sie dafür inzwischen zu fein geworden sind.

Ich wüßte auch nur eine Sache, um die Menschen hier sinnvoll zu unterstützen: sie in der Gartenarbeit anzuregen. Gemüse und Bäume pflanzen. die Bäume werden ihnen in späteren Jahren durch die Früchte oder das Holz nützlich sein, das Gemüse kann täglich eine Mahlzeit bilden. Genügend Gartenfläche und Platz für Bäume ist vorhanden. Das Klima ist wachstumgsfördernd und Wasser reichlich vorhanden. ein Paradies für Gartenfreunde. Wann beginnen wir?

Nur, wenn wir das ernsthaft betreiben würden, dann wären die Menschen schon in weniger Jahren unabhängig von uns, dann brauchten sie nicht nur mehr unsere Hilfe, sondern könnten uns sogar von ihrem reichhaltigen Angebot zurückgeben. Wem sollten wir dann unseren Schrott, unsere Altkleider, unsere Überfluß(-igen)-Waren geben?

Ach, halt, nein, dann schicken wir den Vertreter einer großen deutschen Firma hierher. Der verkauft den Jungs schon seine Motorsägen. Dann können die hier alles wieder abholzen und der Kreislauf beginnt von Neuem.

Spaß beiseite. eine Sache gibt es noch, die unterstützenswert ist. Aber die erfordert persönlichen Einsatz. Hierherkommen und einfach ein Kind für ein, zwei Jahre mit nach Deutschland nehmen. Viele Familien hier sind gern bereit, das mitzumachen. Das Kind lernt dann die Situation in Europa kennen, wir lernen vom dem Kind liebevolles miteinander Umgehen und das Kind kann später, wenn es sich in Europa wohlfühlt, von dort aus seine ganze bisherige Familie unterstützen. Welch köstlicher Gedanke. Und so einfach durchzuführen...

Ansichten

Dicht zusammengedrängt stehen die Hütten neben der Straße. "Schau mal, wie eklig", sagt das Mädchen, eine Deutsche, hierherversetzt von ihrem Boß. Sie sieht nur Hausdächer, Menschenmassen, Unrat, Autos. Was ist daran eklig?" Was schreckt sie so ab? Ist es der Dreck? Nun, der wird jeden Tag zusammengefegt und von großen Lastwagen weggebracht. Und ganz im Vertrauen: der meiste Müll, Plastikbecher, Dosen, unverrotbare Eimer, Plastik, ist von ihrer Firma und Freunden hierherimportiert.

Sind es die Autos? Sind es die Häuser? Sind es die Menschen. Ist es das Fremdartige, das Ungewohnte?
Die Menschen strömen in Massen durch die Straßen, immer wieder aufgehalten und umgeleitet von Verkaufsständen, die Markthändler einfach auf die bürgersteige stellen oder geparkten Autos. Niemand beschwert sich, niemand nimmt daran Anstoß. Nur unsere Deutsche. Sie ist Ordnung gewohnt. Ihr mißfällt, wie ein Känguru hin- und herzuhüpfen, Menschen auszuweichen, Nähe!

Plötzlich ahne ich, was sie abstoßend findet. Es ist die Nähe der vielen Menschen hier. In jedem Raum wohnen vier, fünf, sechs, zehn Menschen, Männlein, Weiblein, Alte, Junge. Da wird gepupst und gerülpst, gekratzt und gejuckt; natürlich alles sehr dezent und zurückhaltend.

Nacht für Nacht müssen zwei, drei, vier Personen in einem Bett schlafen, dicht zusammengedrängt. Tag für Tag müssen diese Menschen mit sich, mit Besuchern, mit Nachbarn und Fremden auskommen...

Undenkbar für Deutsche. Und doch ist es gerade fünfzig oder einhundert Jahre her, daß bei uns ähnliche Verhältnisse herrschten; damals in und nach den beiden Weltkriegen und früher, vor einhundert Jahren, in den Hinterhöfen und Mietskasernen der ersten Industriesiedlungen.

Doch jetzt macht diese Nähe Angst. Es bedarf großer menschlicher Klasse, um in dieser Nähe nicht tagtäglich neu auszurasten, nicht um sich zu schlagen, nicht auszuflippen. Wer, bitte schön, besitzt noch diese Klasse? Du? Wo du doch schon ausflippst, wenn du im Stau steckenbleibst, wenn die jemand die Vorfahrt nimmt oder du eine (angeblich) wichtige Verabredung nicht einhalten kannst; oder weil jemand die Farbe deiner Klamotten bemängelt oder den Schnitt deiner Haare. Du willst es tagtäglich leben, zusammen mit neun anderen? Nicht nur schlafen, sondern sich auch waschen, umziehen, lieben, streiten? Wer es in diesem Kessel voll menschlicher Gefühle, deren Unrat, deren Ausscheidungen, deren Dreck und Gestank, deren Duft, deren Erotik und Spannungen aushält, wer nicht nur überlebt, sondern auch noch Spaß am Leben hat (selbstverständlich ohne Geld; denn wer Geld hat, zieht hoch in die einsamen Villen und Apartements wie unser deutsches Mädel), der bekommt eine Auszeichnung als "Mensch allererster Güteklasse". Denn ein solcher Mensch würde in jeder Familie, jeder Firma, jeder Regierung für Freude und Entspannung sorgen; behutsam mit den Alten, zärtlich mit den Jungen. Ich wünsche jeder deutschen Familie, jeder Firma, jeder Regierung einen Haitianer in ihrer Mitte. Er würde Mut, heitere Gelassenheit und täglich neue Lebensfreude geben.

Quelle plesier ...