Haiti-Geschichten

Lernen Sie Haiti von innen her kennen

Das freche Huhn

Es dämmert. Ein neuer Tag beginnt. Das weiße Huhn nimmt seinen Schnabel aus dem Gefieder und blinzelt. Nebenan herrscht helle Aufregung. ein braunes Huhn flattert den Baum hinunter. Zwei kleine Küken krallen sich an ihrem Gefieder fest. Auf dem Boden lassen sie die Küken los und die Mutter kann wieder den Baum hinaufklettern und die anderen Küken holen.

Das weiße Huhn stellt sich aufrecht hin. Fest klammert es sich mit seinen Krallen an den Baumstamm. Es schüttelt sein Gefieder. Nebenan hat die Glucke alle ihre Jungen nach unten gebracht. Aufgeregt piepzend durchforstet die Schar den Boden.

Das weiße Huhn hört die Türangel knarren. Es schaut zum Haus hinüber. die Küchentür öffnet sich. Madame Souvenir schaut hinaus. Hinter ihr kommt Janna, die ältere Tochter, aus dem Haus.

Das weiße Huhn flattert den Baum nach unten. Ein lHahn kommt auf sie zu. Buntgeschmückt in seinem gelben, schwarzen und braunen Federkleid. Das weiße Huhn huscht davon. dieser Hahn gehört zum Nachbarhaus. Er will das weiße Huhn gerne seinem Stamm unterjochen; aber das weiße Huhn will sich nicht unterdrücken lassen. Es weiß selber, was es tun will.

Mit schnellen Schritten hüpft es auf das Haus zu und "hast du nicht gesehen" flattert es die Treppe hoch und ist im Haus verschwunden. Eifrig pickend nimmt das weiße Huhn jeden Krümel und den Mund und versucht ihn zu knacken. Ah, in einer Ecke findet es einen kleinen Haufen mit Kuchenabfall. Pick, pick, pick nimmt sie alles in ihren Kropf. "Was machst du hier? Raus!" ruft eine empörte Stimme. Das weiße Huhn flattert wild hin und her und schließlich zum Ausgang. Welch eine Aufregung!

Doch mit zwei Sätzen flattert es die zweite Treppe hinauf und wieder hinein ins Haus. Diesmal ist es im Schlafzimmer. Wieder durchforstet es den ganzen Raum und wieder wird es von der zweiten Tochter hinausgejagd.

Mich beachtet es überhaupt nicht. Frech geht es an mir vorbei. Meine Tür ist nur einen Spalt weit offen, es drückt seinen Körper dagegen und schon schwingt die Tür auf. Wieder ist das Huhn im Haus verschwunden. Der Hahn hat es aufgegeben, auf das weiße Huhn zu warten. Es traut sich nicht ins Haus.

Ich sitze vor dem Haus und esse. Wütendes Geschrei einen Menschen, aufgeregtes Flügelschlagen und Gegacker. Ihm hohen Bogen flattert das weiße Huhn wieder aus dem Haus, gefolgt von Lelene, der jüngeren Tochter. Das weiße Huhn durchforstet den Garten. Dann verschwindet es unauffällig in der Küche. Niemand sieht es; nur ich. Aber ich verrate es nicht.

Am Abend flattert das weiße Huhn seinen Baum hinauf. Hoch und höher. Nebenan bringt die Glucke ihre Kleinen den Baum hinaus. Das weiße Huhn schüttelt sein Gefieder und sucht sich einen bequemen Sitz. Fest packen die Krallen das Holz des Baumes.

Plötzlich schreckt das weiße Huhn auf. Es war schon eingedöst, aber bei diesem Donnerhall kann niemand weiterschlafen. Es regnet. Aber was heißt hier Regen? Das Wasser kommt mit solch einer Wucht nach unten geschossen, als wenn die Feuerwehr mit einem C-Rohr und fünf Atü Druck das Wasser hinausschleudertn würde. Die Blätter des Baumes werden steil nach unten gedrückt. Das weiße Huhn hat seinen Platz gut gewählt. die nach unten gedrückten Blätter lassen das Wasser an ihm vorbeifließen. Es bekommt nur ein paar nasse Sprühflecken auf sein Gefieder.

Das Geräusch des rauschenden Wassers wird leiser. Ich liege in meinem Bett und atme auf. Das Geräusch des auf das Dach klatschende Wasser wird leiser.

Doch plötzlich eine Kehrtwendung. Hatte ich bis dahin gedacht, es schütte aus vollen Kübeln, wo war das nichts gegen das, was plötzlich passiert. Als wenn eine Armee von Arbeitern mit kleinen Hämmern auf das Doch einschlägt! So ein Trommelfeuer von herunterstürzenden Wassermassen habe ich noch nie erlebt!

Das weiße Huhn bleibt gelassen. Was soll es auch tun? Es bekommt von der Wucht des Regens nichts zu spüren. die Blätter über ihm fangen diesen geschickt ab. Es schaut noch einmal in die Umgebung. Aber es ist nichts zu sehen. Es steckt seinen Schnabel ins Gefieder und schließt die Augen. Es sieht nicht mehr, wie die Glucke nebenan ihre Flügel aufspannt und wie einen Regenschirm über die Kleinen breitet. Es sieht auch nicht, wie ich mich zum letztenmal auf die andere Seite drehe und im Trommelfeuer des weiterhin herabprasselnden Regens ruhig einschlafe.

Der erste Kuß

Dreimal schon war der Junge da. Einmal fragte er, was ein Eis kostet. Das kostet überall gleichviel. Trotzdem antwortete sie ihm. Dann war er noch einmal abends gekommen und hatte etwas gefragt. Was, das wußte sie nicht mehr. Und dann war er gestern abend wieder dagewesen. Jetzt weiß sie, das er sie meint.

Nach der Schule kämmt sie ihre Haare besonders lange und läßt sich von der Mutter lange Schleifen einbinden. Dann, am Abend, sitzt sie vorm Haus und wartet auf ihn. Sie weiß nur seinen Namen, aber an diesem Abend erfährt sie mehr von ihm. Und er erfährt mehr von ihr.

Ihren ersten Freund hatte sie, als sie vierzehn Jahre alt war. Er kam Tag für Tag. Zuerst wollte er nur mit ihr spielen, aber dann wurde es ernster. Er schrieb ihr einen Brief, einen Liebesbrief. Dann ging ermit ihr schwimmen, unten am Fluß. Und dann brachte er ihr Geld. Er wußte, ein Mann muß eine Frau finanzieren. Und weil es ihm ernst mit ihr war, mußte er ihr selbstverständlich regelmäßig einen Unterhalt geben.

Sie weiß nicht mehr, warum es damals nicht weitergegangen war. War es, weil sie keine Lust mehr hatte? Oder war es, weil er damals lange Monate in der anderen Stadt war?

Jetzt sitzt sie hier mit dem anderen. Er sitzt ruhig neben ihr. Er faßt sie selten an und wenn, dann eher spielerisch. Beide wissen, bevor sie sich aufeinander einlassen, müssen viele dinge geklärt werden. "Was passiert, wenn ich ein Kind bekomme?" fragt sie. Er würde sich darüber freuen, sagt er, und für beide sorgen. "Wie kannst du das?" fragt sie. Er hat noch keine Arbeit, aber er glaubt, daß er bald welche bekommen kann.

Er fragt sie, was sie vom Leben erwartet. Sie möchte weiter zur Schule gehen, sagt sie, und später Ärztin werden. Dann möchte sie nach New York. Und wenn ein Kind kommt, fragt er. "Dann gebe ich es solange meiner Mutter", sagt sie. Aber gefragt hat sie noch nicht. Warum auch? Ihre Mutter hat schließlich auch das erste Kind ihrer älteren Schwester bei sich aufgenommen.

Zwei Jahre reden beide miteinander. Sie gehen miteinander, aber dieses Miteinandergehen bedeutet nur, daß er weiß, das er sie eines Tages heiraten möchte und sie weiß, daß sie ihn eines Tages heiraten wird. Es passiert nichts weiter. Denn wenn sie jetzt zusammen schlafen, dann kann es sein, daß ein Kind kommt und sie alle Pläne vergessen können. Oft sitzen sie abends zusammen und sprechen über ihre gemeinsame Zukunft, über die Kinder, die sie haben möchten und was sie sonst noch berüshrt. Oft ist es so, daß sie eine bestimmte Ansicht hat über irgendein Thema, aber dann, nach Gesprächen mit ihm oder nach eigenen Überlegungen, hat sie plötzlich eine andere Ansicht.

Zwei Jahre sehen sie sich, sooft es ihre oder seine Zeit zuläßt. Manchmal hat sie sich schon gefragt, ob sie nicht miteinander .... aber dann hat sie den Gedanken wieder fallengelassen. Manchmal hat er sich gefragt, ob es nicht an der Zeit wäre, miteinander ... aber dann hat er den Gedanken wieder fallengelassen.

Und dann wissen beide, daß es der richtige Zeitpunkt ist. Er hat die Arbeit, die er haben wollte und er hat ein Zimmer in dem Haus, in dem er schon lange wohnen wollte. "Willst du mit mir dort einziehen?" fragt er sie. Sie fragt vorher ihr Mutter. "Wie fühlst du dich dabei?" fragt sie. "Glücklich", sagt das Mädchen.

Die Mutter umarmt sie. "Mach, was du für richtig hälst", antwortet sie.

In dieser Nacht bekommt sie ihren ersten Kuß.

 Der Hahnenkampf

Die Halsfedern wie einen Kranz gespreitzt, stehen sich die beiden Hähne gegenüber. Eben noch Ruhe, plötzlich jedoch aufgeregtes Zetern. Irgendetwas hat die beiden Hähne erregt. Beide haben einen rötlichen-braunen Halskranz, aber damit hört die Ähnlichkeit auch schon auf. Der eine Hahn hat überwiegend schwarz-weiße Federn, besonders zum Schwanz hin, der andere ist durchgehend rötlich braun.

Auch die Schwanzfedern sind jetzt steil aufgerichtet. Wie ein Ruder schwingen sie bei beiden hin und her, während sie sich umkreisen und dabei drohende Laute ausstoßen. Der Rot-Braune stürzt vor, bedrängt den anderen, versucht seinen Hals zu treffen. Doch der Schwarz-Bunte wehrt sich gekonnt, duckt sich tief, geht einen Schritt zurück und stürzt sofort wieder vor. Bravo, denke ich, das war ein geschickter Zug. Doch der Rot-Braune ist sofort wieder bei seinem Kontrahenten. Noch höher spreizt er die Federn und noch drohender faucht er den anderen an.

Ein Erwachsener scheucht die beiden Streithähne fort. Doch die finden sich sofort wieder beieinander. Der Rot-Braune hat jetzt die Taktik geändert. Hoch flattert er auf und versucht von oben seinen Gegner zu überraschen. Das gelingt ihm auch immer wieder ganz gut, doch nie kann er ihn so packen, daß der andere aufgeben muß.

Hin und her wogt das Gedränge. Fasziniert schaue ich zu. Habe ich überhaupt schon einmal zwei streitende Hähne gesehen? Wenn ja, ich kann mich nicht daran erinnern. Meine Symphatie gehört hier dem Rot-Braunen; aber dann merke ich auch, warum. Er hat die schöneren Schwanzfedern. Dem anderen Hahn, dem Braun-Schwarzen muß jemand die Schwanzfedern herausgerissen haben; sie sind noch nicht nachgewachsen. Dadurch sieht er etwas unförmiger aus, nicht so stromlinienförmig, wie der Bunte.

Wieder flattert der Bunte hoch und auf seinen Gegner. Doch der nutzt geschickt ein Gebüsch, zieht sich zurück, der Bunte hinterher. doch jetzt zeigt sich, daß der Schwarz-Weiße auch seine Taktik hat. Er hat den Bunten springen und flattern lassen. Das macht müde. Und jetzt ist es der Schwarz-Weiße, der junge Kräfte ins Feld führt. Er drängt vor und drängt dabei den anderen zurück. Die Sonne scheint durch die Blätter hindurch. Das Gefieder der beiden Hähne glizert in der morgendlichen Sonne. Ich muß losgehen. Schade! Gern hätte ich mir die beiden Hähne länger angeschaut. Aber ich bleibe ja noch länger hier in Haiti...

Obskuritäten

Sie ist jung und voller Leben. Er ist bald doppelt so alt, aber auch voller Leben. Sie hat schon ihre erste Erfahrung mit einem Mann hinter sich. Er ist jetzt in der Ferne. Ab und zu kommt er vorbei, steckt ihr etwas Geld zu und schaut sich den gemeinsamen Sohn an. Er hat seine Erfahrungen hinter sich mit Frau, mit Freundin, mit anderen Frauen. Jetzt sitzen beide hier in der einsamkeit der haitianischen Berge und verstehen sich prächtig. Er mag ihr Aussehen, ihre freche Schnute, ihre Ausstrahlung. Sie mag seine Stimme, seine augen, seine Haut. Er ist weiß, sie ist schwarz. Aber jetzt, in der Dämmerung, spielt die Farbe der Haut keine Rolle. Sie erzählt, daß sich die haitianischen Frauen in erster Linie dafür interessieren, ob und wieviel Geld sie von ihrem Zukünftigen zu erwarten haben. Er lacht dazu und berichtet von seinen Frauen, die nicht nur kein Geld verlangen, sondern darüber hinaus auch noch arbeiten und so für Geld sorgen.

Aber das sind nur Worte. Beide tasten sich ab, versuchen den anderen näher zu begreifen. leicht und spielerisch, lachend und voller Mißverständnisse. Doch das sind nur Mißverständnisse mit worten. Ohne worte, das merken beide, verstehen sie sich besser, als sie sich eingestehen mögen.

Dann, voller Schrecken, stellt sie fest, daß es schon spät geworden ist. Beide sitzen im Haus ihrer Mutter. die anderen um sie herum haben weder gestört, noch allzusehr in das Geschehen um die beiden eingegriffen. doch jetzt muß sie weiter. Sie wohnt zur Zeit im Haus ihrer Großmutter. Und der Weg dorthin ist weit, fast eine halbe Stunde zu fuß.

Ernsthaft erklärt sie ihm ihre Bedenken. "Draußen im dunkeln sind jetzt die Obskuritäten und Zombies. Das sind ehemals Lebende, die jetzt jedoch die Menschen zu sich zerren wollen", sagt sie. "Eine Bekannte ist spätabends hinausgegangen. Sie ist von einem Geist gepackt und gebissen worden. Jetzt ist sie verrückt".

Er nicht zu ihren Ausführungen. Er hat schon eine andere Geschichte gehört. ein Nachbar hat sie erzählt. Er ist beinahe Nachts von einem Geist gefangen worden. Er hatte ihn schon gepackt, aber er konnte sich losreißen und ins Haus gelangen.

Doch anders als Europäer, die über diese dummen Menschen lachen, sich aber selbst nicht spätnachts in den dunklen Wald trauen, habe ich mich lange mit dieser, meiner, Angst vor der Dunkelheit in der Natur beschäftigt.

Ich lache nicht über sie, sondern setze mich im Schneidersitz auf den Boden vor ihr. "Ich werde mit den Obskuritäten sprechen und sie bitten, dich und alle hier aus der Familie als meine Freunde anzusehen und euch ebenfalls wie Freunde behandeln".

Ich schließe die Augen und versinke in tiefer Meditation. Zuerst nehme ich noch das Erstaunen der Anwesenden wahr, daß jemand mit den Geistern sprechen kann und will, aber dann wird es in mir und außerhalb meiner immer ruhiger und ruhiger. Tief atme ich ein, tief atme ich aus; bis mein Atem ruhiger und ruhiger wird.

Alle schauen den Fremden an. Stimmt es, was er sagt? Es kann sein, aber es kann auch nicht sein. Aber alle wissen, daß das Eine das Andere bedingt. Wenn es unmöglich ist, dann ist es auch möglich. Wenn etwas Gut ist, dann ist es nur gut, weil es das Schlechte gibt. Ohne das Eine gibt es nicht das Andere. Und wenn es unmöglich ist mit den Obskuritäten zu sprechen, dann nur, wenn es doch möglich ist.

Außerdem, das wissen alle, gibt es Priester, die sich mit allen möglichen Geistern in Verbindung setzen können. Warum nicht auch er?

Er sitzt immer noch in tiefer Meditation versunken auf dem Boden. Dann bewegt er sich langsam. Er hebt seinen Kopf und lächelt sie an. "Du kannst beruhigt gehen", sagt er, "alle wissen, daß du unter meinem Schutz und damit unter dem Schutz Aller stehst".

Am nächsten Abend kommt sie aufgeregt an. "Eine Bekannte hat es erwischt", sprudelt sie heraus. "die Obskuritäten haben sie erwischt. Jetzt ist sie verrückt geworden. Es stimmt also nicht, daß du mit den Geistern sprechen kannst".

Er verbeugt sich vor ihr. "Verzeih", sagt er, "ich habe gestern nur für dich und alle hier Schutz verlangt. Von all den anderen Menschen hier im Ort war nicht die Rede. Das mit deiner Bekannten tut mir leid. Aber wie ist es dir ergangen?"

Sie muß zugeben, daß sie ohne Störungen ihren Weg gehen konnte. Und am nächsten Abend wird ihre Mutter zu einer Geburt gerufen. Spätnachts, um ein Uhr, kann sie erst nach Hause gehen. "Danke", sagt sie lächelnd, "niemand hat mich angefaßt, niemand hat mich verfolgt und niemand", das scheint ihr besonders wichtig, "hat mich gebissen!"

Seit diesen Tagen gehen alle aus der Familie ohne Angst durch die Nacht. die Obskuritäten, das wissen sie jetzt, sind ihnen freundschaftlich gesonnen.

Die Brücke

Prasselnd schlägt der Regen zu Boden. Die langen Blätter der Bananenstaude werden tief nach unten gedrückt. Das weiße Huhn darunter setzt sich auf, pludert sich ein wenig und steckt ihren Schnabel wieder in ihr Gefieder. Nur ein paar Tropfen spritzen auf ihr Federkleid. Alles andere prasselt an ihm vorbei auf den boden. Zuerst sind es kleine Rinnsale, aber daraus werden reißende Sturzbäche, die sich den Weg nach unten suchen. Und dort unten, an der tiefsten Stelle, fließt ein kleiner Fluß, ein Rinnsal, durch die Berge. Er kurft hin und her und gewinnt auf hundert Metern nur ein paar Meter Luftlinie. doch in mühevoller, jahrhunderte langer Arbeit hat er sich so tief in den Berg gefressen, daß er jetzt bequem die von allen Seiten heranprasselnden Regenfälle aufnehmen und langsam weitertransportieren kann.

Auch der alte Mann in der Hütte hört das Prasseln des Regens auf seinem einfachen Dach. Er wünscht, daß es aufhören möge, doch wie um ihn zu ärgern, prasselt der Regen mit zusätzlicher Kraft auf sein doch.

Am nächsten Morgen schüttelt er betrübt den Kopf. Der Weg ist naß und glitschig vom Lehm. Vorsichtig schreitet Gabriel den Weg ab. Er hat heute ein Rendevouz; aber seine Besucherin ist nicht schwarz wie er und aus Haiti, sondern eine Weiße aus dem fernen Europa. Und seine Gedanken beschäftigen sich intensiv mit ihr; so wie er sich immer intensiv mit seiner jeweiligen Frau beschäftigt hat. Waren es vier? Er schüttelt den Kopf. Es fällt ihm nicht mehr ein. Aber daß es sechsundzwanzig Kinder sind, die er mit diesen Frauen gezeugt hat, weiß er genau. Erst gestern hat er mit seiner neuesten Bekanntschaft darüber gesprochen. Er hat ihr die vielen liebevollen Briefe seiner Kinder gezeigt und ihr auch gesagt, daß er regelmäßig schreibt und, sofern es ihm möglich ist, seine Kinder besucht. Dabei nimmt er auf die Eigenarten seiner Kinder und deren Ehepartner Rücksicht, kämmt sich, wenn eine dies erwartet oder kommt ungekämmt wenn ein anderes Kind dies nicht stört.

Kopfschüttelnd steht er vor dem Bach. Er führt mehr Wasser als sonst mit sich. Der Übergang ist glitschig vom Lehm und voller tückischer Steine.

Er geht den Weg zurück. Dann spricht er mit seinem Nachbarn; und mit dem anderen. Alle nicken zu seinen Ausführungen. Sie helfen ihm gerne. Mittags macht sich unsere Frau auf den Weg. Sie ist nicht mehr jung, aber was heißt das schon? Die Zwanzig hat sie schon zweimal geschafft; aber trotzdem ist sie jünger als unser Mann, der sie schon mehr als dreimal geschafft hat. Vorsichtig setzt sie Fuß vor Fuß. Es ist rutschig. Das Wasser hat den lehmigen Boden überall hingespült. Freihändig balanzierend schafft sie den Weg neben ihrem Haus hinunter. Unten geht es ein Stück die Straße entlang. Aber was heißt hier Straße? Ein enger und steiniger Weg, herausgeschlagen aus den Felsen und rutschig wie überall.

Vorsichtig steigt sie den kleinen Weg zum Fluß hinab. Sie denkt nicht an den Weg, sondern geht Schritt vor Schritt weiter. Der nasse Boden gibt oft unter ihren Schritten nach. Dann sinkt sie tief mit ihren Schuhen ein. Schmatzend gibt der schwere Lehmboden dann ihre Füße wieder frei, wenn sie einen weiteren Schritt nach vorne gemacht hat und den hinteren Fuß nach vorne zieht.

Sie hört schon das Geräusch des Wassers, aber noch ist sie mit dem vorsichtigen Abtasten des Weges vor sich beschäftigt. Dann der Fluß; aber heute ist alles anders. ein breiter Übergang, gefertigt aus Steinen, die in mühevoller Arbeit Stück für Stück in das Flußbett gelegt wurden, macht das Überqueren des Flusses heute kinderleicht.

Beschwingt erreicht sie die Hütte. Gabriel liegt wie so oft auf seinem Bett und liest die Bibel. Schon manchmal hat sie gedacht, macht er auch etwas anderes? Aber heute sind ihre Gedanken lebhaft und voller Freude. "Stell dir vor, Gabriel", sagt sie jubelnd, "irgendjemand hat einen Übergang über den Fluß geschaffen. Soetwas habe ich noch nie hier in Haiti erlebt. Wer kann das wohl gewesen sein?" Er schaut sie lächelnd an und setzt dabei seine Brille ab. Wie schön sie ist, denkt er. Sein Lächeln wird intensiver. "ich", sagt er, "ich habe diese Brücke für dich gemacht".

Feiertag

Mittwoch, der 29. November 1989. Ein Feiertag. Hier in unserer Straße in der Rue Vaillant, starben am 29 November 1987 Menschen. Waren es zehn? Auf jeden Fall waren es zehn Menschen zu viel.

Es sollte damals Wahlen geben, freie Wahlen. Man munkelt, daß die Regierenden schon frühzeitig merkten, daß nicht ihr Kandidat, sondern ein Oppositioneller, die Wahl gewinnen wird. Gaben sie daraufhin den Schießbefehl? Auf jeden Fall konnten sie hinterher die Wahl abbrechen und erklären, sie könnten nicht mehr für die Sicherheit der Wähler garantieren.

Doch auf massiven Druck seitens der Bevölkerung wurde dieser Tag ein Nationalfeiertag. Er soll daran erinnern, daß hier unnötig Menschen starben. Und er soll jeden Machthabenen daran erinnern, daß Schandtaten an den Menschen hier nicht so schnell vergessen werden.

Ich muß an unsere Feiertag in Deutschland denken. Unseren neuesten Feiertag, den 17. Juni haben wir angenommen, weil unsere Nachbarn in der DDR mit Polizeigewalt an ihren Protesten gehindert wurden.

Dabei hätten wir selbst genügend Ereignisse, die wir würdig feiern könnten: ein Flugzeugunglück, bei dem dreihundert Menschen starben, ein anderer Flugzeugabsturz, bei dem fünfzig Menschen starben. Wir könnten unserem Auto, dem wir Jahr für Jahr etwa zehntausend Menschen opfern, einen Gedenktag widmen. Vielleicht den siezehnten Juni? Immerhin können jetzt alle Deutschen in das andere Deutschland unbehindert reisen. Das ist schon so gut wie eine Wiedervereinigung, wir brauchen diesen einen Gedenktag nicht mehr.

Die Klärung

Viele Dinge funktionieren in Haiti besser als in Deutschland. Dazu gehören das Trinkwasser und die Abwässer.

Wie sieht es bei uns in Deutschland aus?

In riesigen Leitungswegen werden Wasser und Abwasser unterhalb der Straße zu den einzelnen Häusern gebracht. Doch im Laufe der letzten einhundert Jahre haben sich Risse gebildet. Klares Leitungswasser gelangt so in das schmutzige Abwasser und schmutziges Abwasser gelangt so in das klare Trinkwasser. Damit sich im Trinkwasser keine giftigen Keime bilden, wird das Trinkwasser mit hochgiftigem Chlor angereichert: das tötet alle Bakterien (und später uns Menschen?) ab.

Das Abwasser wird gesammelt, mit Industrieabfällen gemischt und in Klärwerke geleitet. doch längst haben es die Klärwerke aufgegeben, diese übergroßen Giftmengen aufzuarbeiten. Fast genauso, wi es die Klärwerke erreicht, wird es weitergeleitet: in die Flüsse, ins Meer. Dreckiges, vergiftetes Wasser ist die Folge. Früher wurden bei uns Brunnenvergifter geächtet; heute sind es achtbare Männer, die Manager von Hoechst, Bayer, Mercedes und VW.

Anders ist es in Haiti. Tagsüber waschen die Frauen ihre Wäsche im Fluß. bis zur nächsten Stadt, die oft kilometerweit entfernt liegt, hat sich das Wasser wieder geklärt. Nachts, wenn niemand den Fluß belästigt, wird aus ihm Trinkwasser in ein Becken hoch oben über der Stadt gepumpt. Morgends öffnet dann ein Mann ein Ventil und das klare Trinkwasser sprudelt in unterirdische Leitungen in alle Teile der Stadt. Dort befinden sich kleine Fontänen, aus denen das Wasser ausströmt. Kinder stehen wartend davor und halten ihre Gefäße bereit: kleine Fünfliterflaschen zum Trinken, große zwanzig-Liter-Gefäße für die Wäsche. die ersten Unterhaltungen werden geführt, die ersten Spiele gespielt. Welch nachahmenswerte Sache für uns Deutsche: statt träge im Bett zu liegen, könnten Kinder und Erwachsene sich noch vor der Schule unten am Brunnen treffen, über die Nach reflektieren, Erlebnisse, sexuelle und andere, freimütig diskutieren und Lebensfreude für den Tag sammeln!

Nach zwei, drei Stunden versiegt das Wasser. Das Becken ist leer. Alle wissen, mit dem kostbaren Naß muß (relativ) sparsam umgegangen werden. doch keine Angst, wer im Laufe des Tages merkt, daß er mehr braucht, kann zum Fluß hinuntergehen und sich neues holen. Ganz Gewissenhafte holen ihr Trinkwasser jedoch nicht aus dem Fluß, sondern von einer Quelle, ein schöner Spaziergang von einer oder zwei Stunden.

Auch die Abwässer sind hier umweltfreundlich. Niemand leitet dreckiges Wasser in den Fluß oder ins Meer. Das Wasser ist überall klar und durchschaubar: eine Wohltat.

Jedes Haus hat hier seine eigene Klärgrube. Und in die kommt nur das Große. Zweimal zwei Meter ist unser Häuschen hier groß. Das Bassin darunter zwei Meter tief. Seit zwanzig Jahren steht es hier unverändert und funktioniert immer noch einwandfrei. Oben im Haus waren die rohre schon verstopft, mußten ausgewechselt werden, doch diese Konstruktion ist wartungsfrei.

Durch die Wärme und unzählige Bakterien wird der Stoff zersetzt und wandert langsam in den Erdboden: kostbarer Dünger.

In anderen Häusern, mit kleinerem Bassin, wird die Hütte einfach um zwei Meter versetzt, wenn das Volumen einmal nicht ausreicht. die alte Stelle wird mit Erde zugedeckt. Spätestens nach zwei Jahren ist daraus bester dünger und beste Erde entstanden, um die uns jeder ernsthafte Hobbygärtner beneiden würde.

Jeder Mensch, überall auf der Welt, macht jeden Tag den gleichen Mist: ein oder zwei Haufen. In Deutschland wird damit die Verschmutzung der Flüsse vorangetrieben; in Haiti entstehen daraus die schönsten Früchte, Blumen, Gemüse. Fischer werden dihre Netze ins Meer und bringen uns leckere Kostbarkeiten. Und ich aale mich im Fluß und genieße ...

1989

Hektisches Treiben im Londoner Hafen. Menschen krabbeln wie Ameisen umher. Riesige tonnen, Pakete und Holzkisten werden hin- und hergeschoben, auf große Wagen geladen und zu den einzelnen Schiffen gebracht. Dort werden die schweren Stücke langsam und vorsichtig hochgehievt und im Schiffsbauch abgeladen.

Lange Eisenträger, solide genietet, finden im Schiffsbauch Platz. Ladung um Ladung wird übernommen. Holzkisten werden in die Zwischenräume gestellt. Der Offizier prüft, ob die Ladung fest verzurrt ist und gleich schwere Teile links und rechts gestapelt werden.

Das Schiff ist beladen. Langsam wird es hinausgeleitet in den großen Strom. Andere Schiffe verlassen mdit ihm den Hafen und machen sich auf den Weg über die Weltmeere. Gleich nebenan der Schoner ist auf dem Weg nach Indien. Andere machen Station in Singapoure, Hongkong, Australien. Das englische Commenwaleth ist groß. Technische Güter, ja ganze Fabrikanlagen, Eisenbahnen und Zubehör werden nach Übersee gebracht; Stoffe, Lebensmittel, Gewürze, Holz und vielerlei anderes zurück nach England und Europa gebracht.

Unser Schiff liegt gut im Wasser. Stunde um Stunde, Tag für Tag fährt es gen Westen, am Rande des Golfstromes entlang. Milde Winde begleiten das Schiff, Gottseidank, keine großen Stürme. Es ist unterwegs in die Karibik, nach Cuba, Costa Rica, Haiti.

In Haiti werden die schweren Eisenträger ausgeladen, Stück für Stück. Kräftige Hände ziehen sie aus dem Schiffsbauch und legen sie in die Sonne ans Hafenbecken. Niemand muß Angst haben, daß davon etwas gestohlen wird; zum Wegschleppen sind die einzelnen Teile viel zu schwer.

Der Schiffsagent ist verwirrt. Er hat ein Bündel Papiere bekommen, aber die eisenträger findet er nicht. Immer wieder geht er alle Unterlagen durch, doch sie passen zu keiner Lieferung, nicht zu den Teilen für die Zuckerfabrik, nicht zu den Hafenanlagen und nicht für die Eisenbahn.

Große Aufregung in Bombay. Der Schiffsagent ist verwirrt. Er hat ein Bündel Papiere bekommen, aber die Eisenträger findet er nicht. Immer wieder geht er hinaus, doch es ist zwecklos. "Sie sind nicht mitgekommen", sagt er dem wartenden Engländer, der diese Eisenträger unbedingt braucht, weil er mitten im Bombay einen orientalischen Basar, ein riesengroßes Handelshaus, errichten möchte.

Später klärt sich alles auf. Die Teile für den orientalischen Basar sind irrtümlich in Haiti gelandet. Und weil der erneute Transport über London nach Indien zum einen zu lange dauert, und zum anderen zu teuer wäre, entschließt sich die Reederei zu einem ungewöhnlichen Schritt: sie heuert einen Ingenieur an und läßt die Halle in Port-Au-Prince, gleich in der Nähe des Hafens, aufstellen. Ein orientalischer Basar in der Karibik; welch ein grotesker Gedanke.

Diese Entscheidung hat weitreichende Bedeutung: in und um diese Halle herum entsteht einer der größten Märkte der Karibik. Jeder Reiseführer von Rang erwähnt diese Halle (Masche de Fev) als etwas besonderes und die Reederei, die damals notgedrungen das Terrain (billig) kaufen mußte, ist heute Besitzer eines der teuersten und begehrtesten Plätze. Und wenn ich mir vorstelle, daß dies alles nur einem kleinen Irrtum zu verdanken ist ...

Doch Irrtümer sind überall möglich. Oh, da fällt mir gerade auf, auch ich habe mich geirrt. All das hat sich nicht im Jahre 1989 zutetragen, sondern selbstverständlich hundert Jahre früher, im Jahre 1889...

Liebe

Es ist wunderbar, mit ihr zusammenzuleben. Sie ist nicht die erste Frau, mit der er Liebe pflegt, aber sie ist die erste Frau, die ihm ein Kind gebärt. Und später noch eines und noch eines. Sechs Stück sind es in Zehn Jahren. Aber auch die Nachbarin von gegenüber, zieht ihn an. Er besucht sie oft und eines Tages gebärt sie ihm ein Baby. Seine Frau ist bei der Geburt dabei und gibt hilfreiche Hände. Jetzt hocken seine Frau und seine geliebte Nachbarin oft zusammen, wenn er tagsüber zur Arbeit geht.

Und auch als der versetzt wird, in einen weit entfernten Vorort von Port-Au-Prince, bleiben seine Frau und die Nachbarin, die ihm inzwischen zwei weitere Kinder geboren hat, lieber in ihren Häusern wohnen. "Hier kenn ich alle", sagt seine Frau, "geht du allein. Ich komme schon zurecht, Gabriel".

Der andere Mann ist klug und weitgereist. Er ist Professor für sprachen. doch er ist es leid, in der Enge des holländischen Amsterdams zu leben. Er strebt in die Einsamkeit der französischen Berge, findet dort eine wundervolle Frau und macht mit ihr zusammen Schafskäse und Liebe. Einmal pro Woche packt er die gefertigten Käseleibe zusammen und fährt sie in die Umgebung aus. Da und dort trifft er auf andere, wundervolle Frauen, die an einem Liebesabenteuer mit ihm Gefallen finden und sich ihm hingeben. Danach kommt er ganz entspannt nach Hause und ist liebevoller denn je zu seiner Frau.

Gabriel, der Haitianer, trifft in seiner neuen Umgebung eine neue Frau. Er nimmt sie zu sich in seine Wohnung und erlebt neue Höhepunkte mit ihr. doch dabei vergißt er nicht seine erste und zweite Frau. Er besucht sie weiterhin und stellt ihnen auch seine neue Frau vor. Bald sind alle drei Frauen in angeregter Unterhaltung verstrickt, während er sich liebevoll seinen Kindern widmet, den von der ersten und zweiten, und später auch den von seiner dritten Frau. Sein Geld, mühsam erwirtschaftet, teilt er nach seinem Gerechtigkeitssinn unter seinen drei Frauen auf. einen Teil behält er für sich, um zu investieren, es anzulegen.

Nach Jahren möchte die französische Frau des Holländers auch einmal heraus aus der Einsamkeit der Berge. Sie verteilt den Käse und findet dabei einen Mann, mit dem sie gerne einmal ein Wochenende verbringen möchte. Anders als ihr Mann, der holländische sprachprofessor, möchte sie dies nicht heimlich machen, sondern vorher mit ihm darüber sprechen. "Ein Wochenende mit einem anderen Mann?" schreit er. Seine sonst so kultivierte Stimme überschlägt sich, er geifert und kreischt. Dann packt er seine Frau und schlägt unbarmherzig zu, immer und immer wieder, bis Nachbarn sie ins Krankenhaus bringen müssen. dort entschuldigt er sich bei ihr, um einer Strafe zu entgegen, aber zusammenleben, nein, danke, das könne und wolle er nicht. Nie mehr!

Gabriel findet seine vierte Frau. Die erste Frau ist inzwischen in Amerika gelandet. Ab und zu schickt sie ihm Geld. Auch die ersten erwachsenen Kinder fügen ihren Briefen oft einen größeren Geldschein bei. "Lieber Vater", schreiben sie, "es ist schön zu wissen, daß du immer noch gesund bist. Wir lieben dich!"

Der Holländer lebt jetzt mit seiner zweiten Frau zusammen. Sie macht den Käse und er liefert ihn einmal wöchentlich aus. Mit seiner ersten Frau redet er nicht mehr. Mühsam haben sie sich geeinigt: sie nimmt das Kind und er schickt Geld. doch der Scheck füllt er auch jetzt noch, nach Jahren, mit verkniffener Miene aus.

"Meine erste Frau kommt zu Besuch", sagt Gabriel zu seiner neuen Freundin, "sie ist etwas eifersüchtig. Du brauchst ihr nicht zu sagen, daß wir uns lieben". Sie lacht hellauf. "Das weiß doch hier jedes Kind", sagt sie. Er stimmt in ihr Lachen ein. "Du hast Recht", sagt er, "Willst du sie kennenlernen?" - "Natürlich", sagt sie, "um nichts in der Welt möchte ich versäumen, die Frau deiner Kinder zu sehen". Sie kennt die großen Kinder von ihm. einer hat ein Feld von seinem Vater bekommen und beackert es mit Tabak und Gemüse. Gabriel ist jetzt alt. Er hat sich zurückgezogen aus der Hektik der großen Stadt, Port-Au-Prince, und sich hier in der Einsamkeit der Berge ein Stück Garten gekauft und eine Hütte darauf gebaut. Er liegt oft tagsüber auf seinem Bett und liest die Bibel. Vierundzwanzig Kinder hat er gezeugt. ein paar leben hier im Ort. die Kindeskinder besuchen ihn täglich, bereiten ihm Essen und lauschen seinen Erzählungen. Dann wieder holt er die Briefe heraus, die ihm seine Kinder schicken. die älteste Tochter macht in ein paar Monaten ihr Examen als Krankenschwester. Er soll zu diesem Anlaß nach Amerika fliegen. Sie legt Geld für ein Flugticket bei. Seine zweite Frau schickt ihm einen Koffer mit einem Anzug und Hemden, seine dritte Frau schickt einen weiteren Anzug und seine vierte Frau wünscht ihm viel Glück.

Der Holländer verteilt Woche für Woche seinen Käse. Als seine Frau ein Kind gebar und sie wochenlang nicht mit ihm schlafen konnte, hat er sich mit einer Nachbarin eingelassen. Und dann, weil er ein schlechtes Gewissen deswegen hatte, noch mit der einen und anderen. Seiner Frau sagt er nichts davon...

"Ich möchte ein Kind von dir", sagt die Freundin des Haitianers. "Ich bin zu alt, um eine weitere Familie zu gründen", sagt Gabriel. Sie lacht. "Ich will keine Familie", sagt sie "ich will ein Kind von dir..."

Die Marktfrau

Stockdunkle Nacht. Kein Wecker läutet, aber sie steht zielbewußt auf. Sie weiß, es ist jetzt an der Zeit. Vorsichtig steigt sie über ihre beiden Kinder, die zusammen mit ihr Tag für Tag dieses Bett benutzen. die anderen drei Kinder schlafen nebenan auf dem Bett.

Mit einem Streichholz zündet sie eine selbstgemachte Petroleumlampe. Dann zieht sie sich an. einen Schlüpfer, ein leichtes Kleid, eine Strickjacke aus grober Schaftswolle und Plastiksandalen.

Draußen ist es ebenfalls noch dunkel. sie stellt die Lampe auf die Bank vor dem Haus und geht in die Dunkelheit hinein. An einem Baum ist das Maultier angebunden. sie löst den Strick und zieht das Tier hinter sich her. Willig folgt es. Nur als es ihm die decke auflegt, scheut es zurück. Kein Wunder, das Fell am Rücken ist weggescheuert, rotes, nacktes Fleisch ist zu sehen. Dann steht es wieder still. sie legt ein Gestell aus Holz auf den rücken des Tieres und zieht mit dem Strick dieses Teil fest an.

Wieder bewegt sich das Maultier, doch diesmal macht es nur einen kleinen Ausfallschritt. Über das Holzgestell wuchtet die Frau zwei große Basttaschen. Sie sind prall gefüllt mit Tabakblättern. Aus dem Haus holt sie noch einen Beutel mit Wegzehrung. Dann wuchtet sie sich auf das kleine Maultier, nimmt einen Reisig in die eine Hand und den Strick in die andere Hand und zuckelt los.

Sie gibt nur einmal die Richtung an. Dann weiß das Maultier, welchen Weg es heute nehmen muß. Jeden Montag, seit zehn Jahren, geht es hin zu diesem Markt. Morgen, am Dienstag, ist ein anderer dran..

Immer noch ist es stockdunkel. wäre die Frau jetzt alleine unterwegs, müßte sie sich mühsam ihren Weg ertasten. Doch mit dem Maultier kann sie ein flottes Tempo gehen.

Eine halbe Stunde später dringen die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne auf den Weg. Andere Marktfrauen kommen ihr entgegen. Die meisten tragen ihre Waren auf dem Kopf. Nur selten nehmen sie eine Hand zu Hilfe, um die sachen abzustützen.

Stunde um Stunde zockelt das Maultier den Weg entlang. Er ist steinig und lehmig. Manchmal rutscht das Tier mit einem Huf, aber es fängt sich schnell wieder. Nach drei Stunden erreicht sie den Fluß. Andere Frauen warten ebenfalls. Mit ruhigen Schlägen bringt der Fischer seinen Kahn an das Ufer. die Frauen steigen ein. Unsere Händlerin steigt von ihrem Maultier. Mit Hilfe der anderen packt sie die Satteltaschen ab und legt sie ins Boot. Der Fischer stößt den Kahn ins Wasser. Langsam verläßt er das Ufer. Das Maultier klettert hinterher. Mit ruhigen Bewegungen schwimmt es hinter dem Kahn. Die Überfahrt kostet für die Frau eine halbe Gourde, etwa fünfzehn Pfennig. Am anderen Ufer besteigt sie das Maultier und zockelt weiter.

Der Weg wird steiler. Es geht hinauf in die Berge. Unten am Fluß wachsen Bäume und Sträucher, doch hier wird die Vegetation weniger. die Frau schließt die Augen und döst vor sich hin.

Nach fünf Stunden hat sie den Marktplatz der kleinen Städt erreicht. dieser Ort ist auf keiner Karte verzeichnet, keine Straße führt hierher und doch ist hier jeden Montag der Treffpunkt vieler, vieler Menschen. sie kommen, um einzukaufen, um Gespräche zu führen und Neuigkeiten auszutauschen.

Die Frau stellt das Maultier neben eine Hauswand und bindet den Strick an einen Baum. Dann hebt sie die schweren Basttaschen herunter, öffnet den Strick und nimmt die Decke ab. Rot leuchtet das Blut an der frisch aufgeriebenen Wundstelle.

Die Frau nimmt ihren angestammten Platz auf dem Markt ein. Sie begrüßt ihre Nachbarinnen, die sie seit langen Jahren kennt. Dann setzt sie sich und legt die Tabakblätter vor sich hin.

Acht Gourden hat sie am Ende eines langen Tages eingenommen. Das sind etwa zwei Mark Vierzig. ein Drittel davon muß sie für den Ankauf weiterer Tabakblätter ausgeben. eine Gourde muß sie für die Überfahrt über den Fluß zahlen.

Spät in der Nacht kommt sie nach Hause. Sie sattelt das Maultier ab und gibt ihm zu saufen. Mit großen Zügen saugt es das Wasser in sich hinein. Es trinkt nur einmal am Tag; damit es tagsüber nicht so schwitzen muß. Dann wird es draußen an einen Baum gebunden. Es kann jetzt grasen und schlafen.

Die älteste Tochter hat für ihre Mutter einen Teller mit Essen unter einen Schutz im Schlafzimmer hingestellt. Ruhig ißt die Mutter den Reis und das Gemüse.

Dann legt sie sich entspannt zwischen ihre Kinder. Sie schlafen tief und fest.

Die Marktfrau schließt die Augen. Bunte Fetzen schießen durch ihren Kopf, Gedankensplitter. Sie lächelt, als sie sich an das Gespräch mit einer ihrer Schwestern heute erinnert und wie sie ihr ein Geldstück zugesteckt hat.

Draußen zirpen die Zikaden. Ein Hund bellt. Ein anderer antwortet. Dann ist wieder Ruhe. Auch die Frau ist jetzt ganz ruhig. Sie weiß, gleich wird sie einschlafen. Und in der Vorfreude darauf verzieht sich ihr Mund zu einem ganz kleinen Lächeln.

Prügelstrafe

Die Mutter kommt am späten Nachmittag nach Hause. Und was sieht sie als erstes? Rodney hockt vor der Feuerstelle und kocht sich ein Süppchen. Für sich allein? Noch ist die Mutter ganz ruhig. Warum auch soll sie nicht ruhig sein? Nun, ja, sie war bei einer Frau, der sie vor ein paar Tagen bei der Geburt des ersten Kindes geholfen hat. Die Ärmste hat keinen Menschen, der ihr die dringend benötigten Medikamente aus der fernen Stadt besorgt. Das heißt, besorgen würde es schon jemand, aber die Bezahlung...

Mischou kommt heran. "Hast du schon gegessen?" fragt die Mutter. Mischou nickt. "Aber ich habe noch nicht gegessen", kräht die kleine Ophny von hinten. Strahlend kommt sie zu ihrer Mutter und umarmt sie. Die Mutter geht ins Haus. Als sie wieder herauskommt, ist zweierlei passiert: Zum einen hat Rodney schnell die Klöße, die in der Flüssigkeit verborgen waren, allein aufgegessen, und zum anderen hat die Mutter den Sack mit Maismehl gefunden. Leer! Jetzt endlich hat sie einen Grund zum Schreien, sich Luft zu machen! "Mischou, komm her", kreischt sie, den leeren Sack anklagend erhoben. Mischou kommt näher. Die Mutter geht zu einem Baum und reißt einen langen Ast ab. Die Kinder wissen, was damit passiert. Mit diesem Stück Holz sollen sie verhauen werden. Das Prinzip gefällt mir besser als unseres in Deutschland. Hier müssen die Mütter (und Väter) ersteinmal einen Stock vom Baum pflücken. Das gibt Gelegenheit, sich die Sache noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen und vor allem die Kraft des späteren Schlages zu überlegen; während bei uns in der ersten Wut meist zu stark zugeschlagen wird.

Es gibt aber auch den Kindern Gelegenheit, sich auf die bevorstehenden Schläge einzustellen. Mischou macht das ganz geschickt: sie heult los und brüllt schluchzend: "Ich hab nur ganz wenig Mehl genommen, Rodney hat viel mehr..."

Rodney, der kleine Schlingel, hat sich inzwischen still und leise vom Feuer zurückgezogen und steht drüben, hinter dem Zaun, beim Nachbarn. "Was, Rodney, du auch?" schreit die Mutter, "und warum hast du Ophny kein Essen gemacht? Und überhaupt, warum habt ihr euer Essen einzeln gemacht? Das ist eine überflüssige Verschwendung von Holz." Sie winkt mit ihrem Stock rodney heran. "Das gibt Schläge", verspricht sie ihm. Na, und jetzt kommt Rodneys großer Auftritt! Haben wir ihm schon immer beim Tanzen bewundernd zugeschaut, so ist das nichts gegen sein jetziges Spektakel. Die Tränen kommen herausgeschossen und er wimmert, als ob ihn Tausende von Ameisen bei lebendigem Leib fräßen. Mischou hat ihr Weinen noch nicht eingestellt und verstärkt es jetzt, um gegen Rodney nicht allzusehr abzufallen. Das Wiederum nimmt Rodney zum Anlaß, noch herzergreifender zu weinen, zu wimmern, zu schluchzen.

In diesem Augenblick komme ich vorbei. "Was ist denn hier los?" frage ich. Eine blöde Frage. Mit einem Blick übersehe ich die Situation. Madame mit einem Stock in der erhobenen Hand, zwei wimmernde Kinder. "Aha", denke ich, "sie hat die Kinder geschlagen!"

Doch hier in Haiti ist es andersherum. Bei uns in Deutschland weinen die Kinder hinterher, um die Schmerzen der Schläge besser ertragen zu können. doch hier, so erfahre ich, hat überhaupt noch kein Schlag stattgefunden. Madame erklärt mir die Sache mit dem leeren Sack. "Klar", kann ich ihr bestätigen, "auch die beiden anderen Kinder, Oscar und Maquenoll haben sich ihre eigenen Klöße gemacht und den anderen jeweils nichts abgegeben". Also gebühren auch ihnen Schläge. Aber vorher muß die Sache hier ein ende finden.

Ich prüfe den Zweig, den Madame in der Hand hält. Er ist etwas lang. Ich kürze ihn auf die Hälfte und gebe ihn Madame zurück. Dann gehe ich zu Mischou, deren Wimmern deutlich leiser geworden ist, und bringe sie zu ihrer Mutter. Sie haut auf die Hand ihrer Tochter. Dann gehe ich zu rodney aufs Nachbargrundstück und ziehe ihn mit mir. Wieder haut die Mutter, aber das ist mehr ein sanftes Streicheln. Ich protestiere! "Stärker!" Mischou lacht schon wieder und auch rodney, der kleine Schlingel, verzieht sein Gesicht verdächtig. Wieder haut die Mutter, diesmal etwas stärker. Überstanden! Beide Kinder strahlen und auch die Mutter ist erleichtert.

In diesem Moment kommen die beiden großen Kinder aus der Schule. "Die kriegen jetzt auch ihre Schläge!" fordere ich. Oscar will protestieren, aber schließlich hat sie auch nur für sich und ihre Mutter gekocht und die Kleineren nicht bedacht. Und außerdem hat sie fast das ganze Trockenmilchpulver allein aufgegessen. Wutsch, saust der kleine Stock auf ihre Hand und, wutsch, auf die Hand von Maquenoll.

Die Mutter wirft den Stock weg. Alle lachen. Gottseidank, es ist überstanden.

Die Neujahrs-Suppe

Um vier Uhr morgends stehen die Ersten auf. Es ist noch dunkel, aber oben auf der Bergkuppe im Osten ist der erste helle Schein der aufgehenden Sonne zu spüren. Das freche weiße Huhn schüttelt sich. In der vergangenen Nacht hat es geregnet, aber die Feuchtigkeit ist im Boden versickert. Es fühlt sich wohl. Ein Hahn beginnt seinen Morgenruf. Andere Hähne antworten. Ein Hund bellt, ein anderer antwortet.

Zwei Frauen gehen den Weg entlang. Bringen sie Ware zum Markt? Im Haus nebenan züngelt das erste Feuer. die Nachbarsfrau kippt Holzkohle auf die ersten Flammen und fächelt mit einem großen Hut Luft an das Feuer. Hell lodert die Glut. Sie nimmt einen Topf und stellt ihn auf das Feuer. Wasser wird hineingeschüttet, ein Teller obendrauf gestellt.

Aus der Küche kommt ihre Tochter. Sie bringt Kartoffeln, Nudeln, Zwiebeln, Tomaten und Lauch. Mit einem großen Messer schält sie die Kartoffeln. Die Außenhaut der Wurzeln wird abgeschabt, das rote Innere in dünne Scheiben geschnitten.

Wieder nimmt die Frau den großen Hut und fächelt dem Feuer weitere Luft zu. Das Kind schneidet den Lauch und die Zwiebeln. Hinterher wird alles Gemüse in den Topf gegeben. Dazu kommen kleine Streifen Fleisch und eine Fertigbrühe. Liebevoll rührt die Frau alles um. Sie schmeckt das Wasser ab. Leicht wiegt sie ihren Kopf hin und her. Dann nimmt sie eine große Flasche und schüttet sich von dem Inhalt etwas auf ihre Hand: grobkörniges Salz. Sie kippt aus einem Becher etwas Wasser auf ihre Hand und reinigt damit die Salzklumpen. Dann zerbröselt sie einen Teil davon in der Suppe. Den zurückgebliebenen Rest gibt sie zurück in die Flasche.

Der helle Schein oben am Berggipfel hat sich vergrößert. die Hähne sind immer noch damit beschäftigt, den Morgen anzukündigen. sie glauben, die Sonne komme nur, weil sie sie ankündigen. Und, wer weiß, vielleicht stimmt das auch. Würden wir alle Hähne dieser Erde töten, dann wüßten wir, ob sie recht haben...

Im Nachbarhaus öffnet sich knarrend eine Tür. "Fröhliches Neues Jahr", wünscht die Frau der Nachbarin. "Gleichfalls", sagt diese. "Ahh", sagt die Nachbarin, "sie haben schon ihre Suppe auf dem Feuer!" Es klingt überrascht und neidisch. die Nachbarin verbeugt sich stolz. Sie weiß um die Wichtigkeit dieser Suppe. Jeder, der vorbeikommt, bekommt von dieser Suppe zu essen. Es soll demonstrieren, daß in diesem Jahr niemand zu hungern braucht...

Und tatsächlich! Obwohl doch Haiti das ärmste Land der westlichen Welt ist, habe ich nirgendwo hungernde Menschen gesehen. Nur auf einem Plakat hab ich ein kleines, hingrig aussehendes Kind gesehen. "Brot für die Armen" macht auch hier Werbung für sich.

Weitere Frauen gehen draußen vorbei. Ab und zu kommt eine heran. "Ein schönes Neues Jahr", wünschen sie. Obwohl die Suppe noch nicht fertig ist, darf jede von ihnen kosten und sie loben.

Ich komme später vorbei. Und ich bekomme sofort einen Teller Suppe. "Fröhliches Neues Jahr", wird auch mir gewünscht. Schmatzend löffel ich die Suppe. Hmm, schmeckt sie. Und ganz anders, als bei den Nachbarn nebenan und auch wieder ganz anders als im Haus unten an der Straße. Der Inhalt ist überall gleich, aber der Geschmack ist überall so unterschiedlich wie der Kuß einer Frau.

Es ist der erste Januar 1190. Alle Menschen gehen aufeinander zu und beglückwünschen sich. Und dann essen sie gemeinsam von der herrlichen Suppe. "Mögest du in diesem Jahr nicht einen Tag hungern", wünschen sie sich.

Das weiße Huhn hat sich näher und näher herangespirscht. Keine Angst, es bekommt auch ein paar Brocken von dieser Suppe. Und der kleine, graubraune Hund von nebenan, der geduldig unter dem Mangobaum wartet, darf näherkommen und sich seinen Teil, einen schönen Knochen, holen.

"Fröhliches, Neues Jahr!"

Aber bitte mit Uniform

Montag, der 25. Dezember 1989.
Festlich gekleidete Menschen gehen bedächtig auf die Kirche zu. Heute steht ein Konzert auf dem Programm mit dem neugegründeten Orchester St.Esprit. Die Kirche selber strahlt im Lichterglanz, im Lichte unzähliger elektrischer Kerzen. In der Ecke ist eine Krippe aufgebaut. Rote, grüne und gelbe Lichterketten lösen sich im Takt eines Uhrwerkes mit der Beleuchtung ab, tak, tak, tak.

Langsam treten die Menschen ein, festlich gekleidet. Die Männer in ihren blauen und grauen Anzügen sehen aus wie Uniformierte. Nur die Kinder und Frauen sehen individuell geschmückt aus.

Ich weiß noch, welche Aufregung geherrscht hat, als in der Hamburgischen Staatsoper der erste Mann mit einer Jeanshose auftauchte und die Oper genießen wollte. Alle gingen und schauten sich diesen Mann an. die Musik war vergessen - die Hose war auf einmal das Wichtigste.

Auch in der Kirche wird auf festliche Kleidung geachtet. Ein junger Mann in Jeansjacke wird angehalten. Er solle sich, bitte schön, doch einen Anzug anziehen, eine Uniform also.

Die erste Reihe bleibt leer. Zwei Männer setzen sich an den Rand. Beide haben einen Cassettenrecorder dabei und wollen die Musik aufnehmen. Ein Mann mit einem Videorecorder kommt herein.

Die Kirche füllt sich. "Wir fangen etwas später an", sagt ein Mann. Auch er festlich gekleidet. Sein Anzug steht ihm wie eine Uniform.

Die Musiker kommen herein. Einer hinter dem anderen. Einer gekleidet wie der andere, schwarze Schuhe, eine graue Hose, ein weißes Hemd, eine schwarze Fliege. Die beiden Frauen statt der grauen Hohse ein grauer Rock. Der Pastor macht die Eröffnungsansprache. Der Mann mit der Fernsehkamera geht quer durch den Raum. Mit seiner Lampe strahlt er willkürlich Besucher und Musiker an und nimmt sie auf Band. Weitere Cassettenrecorder werden vorne hingestellt. die Kabel verunzieren das Bild der festlich geschmückten Kirche.

Der Pastor spricht von der Dreieinigkeit. Gott Vater, Jesus Christi und der Heilige Geist. So heißt auch die Kirche: St.Esprit. Eine Woche vorher hat der Pastor mit allen Musikern gesprochen und darauf hingewiesen, wie sich jeder während des Konzertes zu benehmen hat.

Aufrecht sitzen, Blick geradeaus. Und jeder hat, bitte schön, das gleiche anzuziehen. Auch ich war bei diesem Gespräch dabei. Als Gast aus Deutschland habe ich gern mit meiner Trompete in diesem jungen Orchester mitgespielt. Aber eine Uniform kaufen, extra für diesen Auftritt, das möchte ich nicht. "Nein, danke".

Ich sitze vorn in der ersten Reihe. Ein Hund kommt herein, beschnuppert einen Cassettenrecorder und setzt sich quer über die Kabel. Ein Fotograf stört die Rede des Pastoren, indem er immer wieder das Blitzlicht und seine Kamera betätigt.

Die Musik beginnt. Der Dirigent hat seine Musiker fest im Griff. Er beginnt langsam, fast liebevoll. Dann werden seine Bewegungen eindringlicher, fester. Er beschwört sie, treibt sie an und verlangsamt. Er wirkt wie in Trance, eins mit der Musik und dem Orchester.

Wieder hat der Pastor etwas zu berichten. Ich verstehe nur einzelne Brocken. Er spricht vom Weihnachtstag und von Jesus Christus. Doch hätte er Jesus Christus heute in seine Kirche gelassen?

Vielleicht, weil er eine weiße Hautfarbe hat und die Weißen hier als exotische Ausnahmen etwas mehr Freiheiten genießen. Doch wäre Jesus Christus als Schwarzer hier vor der Kirche erschienen, in seinem einfachen Gewand, hätte er keinen Eintritt erhalten. "Ziehen Sie sich etwas anderes an", hätte man ihm gesagt. Was für eine Kirche...

Die Musiker sind voller Begeisterung dabei. Ich habe meine Trompete einem Musiker ohne Instrument geliehen. Ihn hat der Dirigent schnell der ersten Stimme zugeordnet. Er hat Schwierigkeiten, die richtigen Töne zu finden, schummelt sich durch die Partitur. Es macht mich traurig. Der äußere Schein hat hier mehr Wichtigkeit als musikalisches Können und menschliches Miteinander. Ich bin traurig, weil ich nicht mitspielen darf.

Doch eines macht mich wieder glücklich: der Dirigent. Je länger das Konzert dauert, desto mehr kommt er aus sich heraus. Er dirigiert nicht nur, sondern er setzt seinen gesamten Körper ein. Er springt und gestikuliert, er wirft den Musikern Blicke und Handbewegungen zu, er vibriert und agiert. Ich stelle ihn mir als Dirigenten eines großen Orchesters in New York, Paris oder Hamburg vor: er wäre eine Bereicherung für alle!

Das Konzert ist beendet. Der Hund erhebt sich, schnuppert noch einmal und geht ein paar Schritte weiter. Auch ihm scheint das Konzert gefallen zu haben. Der Pastor gibt jedem Menschen in der ersten Reihe die Hand. Nacheinander stehen alle auf und gehen zum Ausgang. Dort stehen die Musiker Spalier und lassen sich per Handschlag von jedem Besucher beglückwünschen. "Gertrude, du warst wunderbar", sage ich. Sie lacht hell auf. Ihre Wangen hat sie rot geschminkt, das Haar mit Chemikalien glatt gemacht.

Anschließend werden Musiker und Gäste nach oben gebeten, zum kalten Buffet. Auch ich werde eingeladen; schließlich habe ich fünf Dollar für dieses Dinner mitbezahlt. Der Pastor eröffnet das Essen. Schnell ist der Tisch von den vierzehn Musikern umlagert. Jeder schaufelt sich sein Essen von der festlich geschmückten Tafel auf einen Pappteller. Gegessen wird mit einem Plastiklöffel. Nach den Musikern kommen die Gäste und bedienen sich. Nach zehn Minuten ist nur noch Reis übrig. für meine fünf Dollar bekomme ich zwei Schläge Reis und eine Cola. Auf dem Markt kostet das einen halben Dollar. Hier im Haus des heiligen Geistes das Zehnfache...

Der Pastor macht es schlauer. Zusammen mit ein paar Freunden sitzt er an einem Extratisch und bedient sich von den dort aufgebauten Köstlichkeiten. Nachdem er und seine Freunde genüßlich gespeist haben, wird auch dieser Tisch von den Anwesenden geplündert. Zwei Flaschen mit Cremasse werden, husch, husch, in Plastikbecher geschüttet und ausgetrunken. Besonders die Jugendlichen scheinen dieses zuckersüße Gebräu mit Alkohol zu lieben. Von Gertrude bekomme ich einen Schluck ab. Ich hätte gern mehr gehabt, aber beide Flaschen sind in minutenschnelle leer.

Hinterher geht es hinunter in den Salon. ein Fernsehapparat steht dort. Die Videocassette mit der Aufzeichnung des Konzertes wird abgespielt. Alle schauen sich dieses Ereignis konzentriert an. Ich stehe herum und weiß nicht, was ich hier soll.

Eine Gitarre steht in der Ecke. Ich klimpere etwas darauf herum. Gelächter nebenan. Ich verstehe, die Menschen hier machen ihre Sachen. Es ist ihre Party, nicht meine.

Ich stehe auf und gehe. Die Kirche St.Esprit wird zugeschlossen. Aus den Häusern schimmert Licht. Zwei Menschen unterhalten sich. eine Frau schaut mir nach. In jedem dieser Häuser fand heute ein anderes Spectakel statt. Ich war beim Spektakel in der Kirche des Heiligen Geistes. In einem Ort namens Las Cahobas, in der Republik Haiti.

Der Brief

Er ist liebevoll geschrieben, zusammengefaltet und in den Briefumschlag gesteckt. Die Adresse ist aufgeschrieben. Jetzt muß er nur noch zur Post gebracht werden.

Dazu stehe ich früh auf und gehe zum Marktplatz. Es dämmert. die Marktfrau kommt hochbeladen mit ihren zwei Begleiterinnen. Zwei Benanenstauden und einen Sack schleppen sie mit sich.

Eine andere Händlerin hat bereits ihr Feuer angefacht und Brot ausgebreitet. Der erste Kaffe ist fertig, süß und hei! Es wird hell. eine Bonbonverkäuferin kommt, ein weiteres Feuer wird entfacht. Ein Maultier trabt an. Die zwei vollbelandenen Satteltaschen werden abgeladen. Ein Mann und ein Junge bleiben zurück. Der zweite Junge setzt sich aufs Maultier und trabt davon.

Ein Mann schiebt mühsam eine vollbelandene Schubkarre. Die letzten Meter nimmt er im Laufschritt. dort läd er die Bananen auf einen bereits genau so großen Haufen. Was will er nur mit all den grünen Bananen?

Eine Honda CT 125 knattert vorbei. Ein Mann mit einem selbstgebauten Besen fegt und fegt. Er kommt schon das zweitemal vorbei: zuerst das Grobe, dann das Feine. die Menschen hier in Lascahobas werden ihre Abfälle, ihre Bananen- und Apfelsinenschalen unbekümmert auf den boden. Fegt der Mann aus eigenem Antrieb alles auf einen Haufen?

Ein hübsch gekleidetes Mädchen kommt mit einer Tasche, Männer in kurzen Hosen und einfachen Hemden.

Ich sitze und warte auf den Bus in die Hauptstadt, um den Brief wegzubringen. Hier gibt es keine Post. Keine Post, kein Telefon. Nur Durchsagen im Radio...

Das Muli kommt zum zweitenmal. Wieder vollbeladen mit zwei großen Satteltaschen; diesam voller Gemüse, Bohnen, Zuckerrohr. Der Mann und der Junge packen alles gewissenhaft in große Säcke. Vier Stück werden es. Weitere Leute kommen, weitere Händler bauen ihre Stände auf. Es gibt neben den Bonbons und dem Brot in Öl gebackene Bananen, Mehlfladen, Fisch- und Fleischstücke. Ein Hund schnüffelt den Boden entlang. Er weiß, alles was dort liegt, gehört ihm.

Ein junger Mann möchte wissen, ob ich englisch spreche. Er sucht einen Gesprächspartner, um seine Sprachkenntnisse anzuwenden. "Tut mir leid", sage ich, "ich bin hier, um französisch zu sprechen".

Ein Bettler kommt. Dezent wie in der Kirche zeigt er allen seine Schale. Bei mir, dem Weißen, bleibt er lange stehen. Ich schreibe; er wartet geduldig. Irgendwann, das weiß er, muß ich mit Schreiben aufhören. Ich schaue ihn an und schüttel den Kopf. Ruhig geht er weiter. diese Bescheidenheit muß belohnt werden, denke ich. Dem Jungen, der mit mir englisch sprechen möchte, gebe ich fünf Korb und bitte ihn, das Geld dem Bettler zu geben. Er ziert sich, möchte es nicht tun, aber ich dränge ihn weiter. Der Bettler nimmt das Geld nicht an. Ich bin ein Weißer und ein Weißer hat viel mehr Geld als ein Haitianer. Ich soll mehr geben. Der Mann mit der Schubkarre bringt wieder eine fuhre grüner Bananen. Die dritte oder die vierte Fuhre?

Carlos, der Weitgereiste steht plötzlich inmitten der Wartenden. "How do you do?" fragt er. Er war in Kanada, im Orient, spricht englisch und arabisch. "Was machst du hier?" frage ich. "Ich suche die Wahrheit in der Natur", sagt er. Natürlich!

Der Junge packt Kokosnüsse und Orangen aus den Packtaschen aus und in einen weiteren Sack rein. Fünf Säcke sind bisher vollgepackt. für den Markt in Port-au-Prince? Wie will er die transportieren?

Ich sitze auf den Resten einer alten Mauer und staune über das unbeschreiblich schöne Panorama. ein einfach gebauter Kirchturm, dahinter hohe Berge. ein Maultier, hoch beladen mit Holz, schaukelt vorbei. Marktfrauen mit Schüsseln voller Waren auf dem Kopf streben dem nahen Markt zu.

Ich sitze im Schatten, inmitten all der anderen Wartenden. Jetzt seit über zwei Stunden. Niemand spricht mich an, nieman sieht mich neugierig an. Ich bin einer der vielen Wartenden!

Gegenüber auf der Wiese kräht ein Hahn. ein Huhn rennt flatternd über die Straße. Der Motorradfahrer kommt zurück. Ein Huhn mit vielen kleinen Küken geht scharrend durchs hohe Gras. Aus den Gesprächen der Leute höre ich dauernd "Allemagne" heraus. Was haben die bloß mit Deutschland, wundere ich mich? Dann geht mir auf, das sie "Seullement" (nur) meinen.

Hupend kommt ein Lastwagen angefahren. Vollbeladen bis zum Dach. Im inneren des Autos drängen sich fünfzig Menschen. doch auf dem Dach, oben auf den Reissäcken und dem Gepäck, ist noch Platz.

Ich steige hinauf. Mein englisch sprechender Junge kommt nach. Der Fahrer des Autos kommt hinterher. Er kassiert die zwei Dollar bis in die Hauptstadt gleich von uns. Es kann ja sein, daß wir unterwegs von der Polizei angehalten und festgehalten werden. Immerhin ist es nicht gestattet, oben auf dem Dach mitzufahren. Tiefhängende Äste und über die Straße hängende Telefonkabel haben schon manch einen Reisenden hinuntergerissen!

Rüttelnd setzt sich der Bus in Bewegung. Ich sitze oben mit den anderen zehn Reisenden und staune über das unbeschreiblich schöne Panorama dieser faszinierenden Bergwelt. Das Auto schaukelt und neigt sich bedenklich weit zur Seite. Der Junge neben mir hält sich angstvoll an mir fest. Ich kralle mich an einem Reissack fest. Ein paar Schlaglöcher bringen uns zum Hopsen.

Ich unterhalte mich mit dem Jungen, diesmal auf französisch. Er kommt aus Belladaire, der nächstgrößeren Stadt und will nach Hinch. Er hat in Las Cahobas angehalten, um einen Freund zu besuchen.

Frauen waschen ihre Wäsche im Fluß. Niemand ist da, der anzügliche Bemerkungen macht. Die Haitianer sind stolz. Und sie haben ihr Zusammenleben geregelt. Es gibt keine unklaren Verhältnisse. Wer sich für eine Frau interessiert, sagt es ihr. Sie überlegt dann ob und zu welchen Bedingungen sie sich auf eine Verbindung einlassen kann.

Ein Hahn flattert mit seinen Flügeln. Er lag ganz ruhig zwischen zwei Säcken am Rande des Lastwagens. Zwei Hühner sind neben ihm. Der Hahn hat sich zurechtgelgt und schließt die Augen.

Wir kommen in die nächste große Stadt. Alle oben auf dem Dach müssen absteigen. Das Auto muß zur Polizeistation; eine normale Kontrolle. Wir anderen gehen die Straße hinunter und durch den Ort. Mein jugendlicher Reisebegleiter verabschiedet sich hier von mir. Er nimmt ein anderes Tap-Tap.

Ein Polizist fährt mit einem Moped vorbei. Wir gehen als Gruppe weiter und weiter. Am Ortsausgang halten wir. Das Tap-Tap kommt und wir steigen wieder aufs Dach. "Vorsicht", ruft ein Mann. Wir ducken uns. Ein Ast kommt gefährlich nahe, streift meinen Rücken. Wieder ducke ich mich. Telefonleitungen gehen kreuz und quer über die Straße, kommen uns immer wieder bedenklich nahe.

Dann sind wir weit außerhalb des Ortes. Freie Fahrt! Der letzte Mann schreit, ein anderer pfeift. Das Tap-Tap hält an. Was ist passiert? Der hintere Mann geht zurück. Ein Sack mit Holzkohle ist hinuntergefallen. Obwohl es nicht sein Sack ist, schleppt er das gute Stück zurück. Ich helfe ihm beim Aufladen.

Im nächsten Ort müssen wir wieder absteigen. Ich gehe mit den anderen durch den Ort und an der Polizeisperre vorbei. Irgendjemand ruft. Ich achte nicht darauf, gehe auf die Kette, die die Straße absperrt, zu und steige darüber. Die Rufe werden lauter. Na, ja, denke ich, laß ihnen ihren Spaß. Ich drehe mich um. Natürlich bin ich mit dem Rufen gemeint. Ein Weißer hier inmitten all der Schwarzen! Das muß sogar einfältigsten Polizisten auffallen. Er bittet um meinen Paß. doch schon damit hat er seine persönlichen Schwierigkeiten. Er sucht die Eintragung, wann ich in Haiti angekommen bin, findet aber nur eine von meiner letzten Abreise, ein Jahr vorher. Doch dann ist der Bann gebrochen. "Ich besuche meinen Ambassadeur", berichte ich freimütig. Er bittet mich, ihn zu grüßen. "Vom Commandeur Eduarte".

Ich darf gehen. Das Tap-Tap hält. Ich gehe hinunter in die Einsamkeit der Berge. Natürlich weiß der Commandeur, daß all die Personen, die mit mir an seinem Grenzhäuschen vorbeigegangen sind, zum Tap-Tap gehören müssen. Aber so ist der Vorschrift Genüge getan. Und dann kann es ja sein, daß er selbst einmal mit einem Tap-Tap mitfahren muß und nur noch auf dem Dach Platz findet; dann möchte er auch nicht, daß er an seiner Weiterreise gehindert wird...

In Port-Au-Prince müssen wir, die wir auf dem Dach mitgefahren sind, uns von den anderen trennen. Das Tap-Tap fährt ohne uns weiter. Hier in der Hauptstadt sind zu viele Kontrollen.

Wir nehmen ein kleines Tap-Tap und winken den anderen zu. "Gute Fahrt und vielen Dank. Es war eine schöne Fahrt und ein tolles Erlebnis." Einschließlich der Wartezeiten ist der Brief jetzt sechseinhalb Stunden unterwegs. Zwei Dollar hat die Fahrt bis hierher gekostet. Einen halben Dollar kostet die Fahrt in die Stadt. Dann, um zwei Uhr, ist der Brief endlich beim Postamt angelangt. Ein halber Dollar kostet das Porto in das ferne Europa. Dann endlich kann er am Schalter abgegeben werden.

Ich selber kann an diesem Tag nicht mehr zurückfahren. Es ist dafür zu spät. Aber morgen fahre ich zurück, nehme ich mir vor, und dann werde ich nicht so schnell noch einmal eine solche Tour machen. Vielleicht in zwei Monaten? Was meinst Du?

Tap-Tap

Und als ich glaubte, schon alles zu kennen, da überraschte mich die Fügung mit einer gänzlich neuen Variante. Das war gestern, als ich zurück nach Las Cahobas wollte. Am Morgen war ich im Immigrationsbüro und ließ meinen Aufenthalt verlängern. Gänzlich überflüssig, wie ich heute erfuhr, aber lehrreich für mich. Nachmittags stand ich dann an der Abfahrtsstelle für die Busse nach Las Cahobas. Ich war zum erstenmal mit einer Cambionette bis zur Grand Rue gefahren und von dort mit einem Tap-Tap bis hinter den Marche de Fer. Der Markt heißt Eisenmarkt, weil das Gebäude eine Stahlkonstruktion ist. Und das ist ungewöhnlich für Haiti. Außerdem, aber das ist eine andere Geschichte, steht diese Stahlhalle nur aus Versehen hier.

Also, ich hatte schon die merkwürdigsten Fahrten erlebt. Zum Beispiel den Fahrer, der an jeder Tankstelle den Reifen aufpumpen mußte, weil er dauernd Luft verlor. Und dann den Fahrer, der einfach anhält und sagt, die Innenstadt ist ihm zu voll; er fährt nicht weiter. Natürlich muß niemand bezahlen. Niemand murrt. Alle machen alles mit. Und überhaupt die Leute. Auch wenn ein Kleinbus schon übervoll erscheint, rücken alle noch enger zusammen und machen den Neueinsteigenden Platz. So wie man seinem besten Freund Platz machen würde. Und manchmal ist dieser Platz nur so groß, daß in Deutschland höchstens eine Zeitung draufpassen würde.

Die Kinder fahren selbstverständlich frei. Welch eine Kinderfreundlichkeit! Ich glaube, wenn liebenswerte Menschen das regeln würden, würden die Kinder auch bei uns frei fahren.

Als Stefan zurückfahren wollte, hatten wir unser Gepäck schon in das wartende Tap-Tap gepackt. Aber ein Kleinlaster, vorn eine Kabine, hinten eine kleine Ladefläche, kam aus Merraballais, voll beladen mit Menschen. Der Fahrer sprach uns an, ob wir nicht mitkommen wollten. Wir wollten. Stefan saß vorne beim Fahrer und ich hinten auf der Ladefläche, hautnah mit fünfzehn anderen und deren Gepäck. Oder das andere Mal, als ich nur noch oben auf dem Dachgepäckträger Platz fand. Quelle Plesier!

Als Stefan zum Flughafen mußte, blieb die Cambionette einfach stehen und drehte um. Wir fragten einen Taxifahrer, der uns für acht Dollar fahren wollte. Freiwillig, obwohl doch der offizielle Preis zehn Dollar beträgt. Stefan wurde etwas unruhig, weil des Taxi etwas klapprig wirkte und die Straßen voll waren und er nicht wußte, ob wir rechtzeitig am Flughafen anlagen würden. Aber Gottseidank hatte das Taxi unterwegs eine Reifenpanne; wenn nicht, hätten wir mehr als zwei Stunden am Flughafen warten müssen.

Ach, ja, der gestrige Tag. Da stand ein richtiger, normaler Lastwagen in der engen Rue des Remparts. Ich kam etwas später, weil ich noch vorher einen großen Reisteller mit Nudelsoße in einem kleinen Laden gegessen hatte. Ich stellte meine Tasche auf die Ladefläche und ging um die Ecke zum Pinkeln. Als ich zurückkam, war der LKW schon abgefahren. Aber ich sah ihn noch, weil der Verkehr, wie üblich, nur Schrittempo zuließ.

Ich lief hinterher und stieg auf die Ladefläche. Vierzig weitere Personen standen dort, saßen auf ihren Säcken und Gepäckstücken oder hockten auf der Ladebordwand. Vier Stunden stand ich auf diesem schaukelnden, hüpfenden und schlingernden Ungeheuer. Ich stand noch relativ gut, auf einem Lastwagenreifen, aber andere, neben mdir, wurden gegen die zwei dreckigen Ölfässer gedrückt oder mußten ihre Beine in unnatürlich angezogener Anspannung halten. Aber was solls. Ich kam pünktlich um sieben Uhr dreißig an. Und wenn ich zwei Stunden später gekommen wäre, was hätte es gemacht?

Das interessanteste Abenteuer mit einem Tap-Tap passierte hier vor unserer Haustür. Es war Nachts, drei Uhr. Der Fahrer des Tap-Tap holte verschiedene Leute direkt am Haus ab. Das Licht im Innenraum der Passagierkabine ging aus. Der Fahrer kam nach hinten, um die Birne zu wechseln. In diesem Moment für das Tap-Tap alleine los, den steilen Berg hinunter. Der Chauffeur schrie, die vier Passagiere schrien - aber alles Schreien nützte nichts, brachte das Tap-Tap nicht zum Anhalten.

Einen Tag vorher hatten noch ganz viele Steine oben am Berg gelegen. Die hätten das Tap-Tap eventuell zum Stehen geacht. Aber die Steine waren inzwischen weggeräumt. Nur noch ein Sandhaufen lag auf der Straße, doch der konnte das Tap-Tap nicht aufhalten. Es legte sich auf die Seite, so daß der Chauffeur und die Fahrgäste kräftig durcheinanderpurzelten und setzte, nur ein wenig langsamer, seine Alleinfahrt fort. Doch hinter dem Sandhaufen wurde es erst richtig steil. Das Tap-Tap nahm Fahrt auf. Unten, am Ende der Straße ein breiter Graben. Wäre das Tap-Tap dort.... doch es kam anders! Neben dem Weg befindet sich ein sumpfiges Gartenstück. Hier sammelt sich das Wasser, welches oben vom Berg hinunterfließt. Und in dieses Wasser raste das Tap-Tap. Welch ein Glück. Dadurch wurde es nicht abrupt abgebrmst, sondern hat eine Auslauffläche von fünf Metern; bis sich das Fahrzeug im tiefen Sumpf festfährt. Keine großen Verletzungen, gottseidank, nur eine Schulterprellung. Und wieder beschwert sich keiner der Fahrgäste. Warum auch? Was soll es bringen?

Anschließend weckt der Fahrer alle in der Umgebung auf, bis er jemanden findet, der weiß, wo der Fahrer eines anderen Lastwagens wohnt. Der kommt dann, eine Stunde später, und schleppt das Tap-Tap aus dem Sumpf.

Rodney

Jubelnd kommt er mir entgegengelaufen. Seine kleinen Beine routieren dabei so, daß ich Angst habe, gleich stolpert er. Aber er beruhigte mich einmal. "Ich bin ein Courier!" das ist französisch und bedeutet: ich bin ein Läufer. Mit einem Blick schaut er auf den Weg, aber dann schaut er immer wieder mich an; so als sob er den richtigen Absprung berechnet, um in meine Arme fliegen zu können. Ich stehe da und erwarte seinen Ansturm. Hui, wie sich seine Beine bewegen. Da, vorsichtig, eine Rinne im Weg! Aber er kennt den Weg natürlich besser als ich, hüpft über das Hindernis hinweg und setzt die letzten Meter an. Jetzt blickt er nicht mehr auf den Boden. Ich bin sein Ziel und mich hat er fest im Visier. Immer wieder schreit er zwischendurch meinen Namen; um sich anzufeuern oder um überflüssige Energie loszulassen? Ich bin bereit! Fest stehe ich auf der Erde, um diesen Dreikäsehoch aufzufangen. Vor ein paar Tagen haben wir seinen siebten Geburtstag gefeiert, oben im Haus seiner Mutter. Und er war ein würdiger Gastgeber gewesen. Immer wieder hat er die Schüssel mit den kleinen selbstgebackenen Kuchen herumgereicht. Bis ich einschritt und "Halt" rief. Wir hatten schon viel vorbereitet, aber auf vierzig, fünfzig, sechzig Personen waren wir nicht eingestellt. Die restlichen Kuchen und die restliche Limonade habe ich eigenhändig ins Haus getragen. Daß Oskar hinterher mit einer Freundin ins Haus ging und alle Kuchen aufaß, habe ich nicht mitbekommen. Ich saß draußen und spielte Gitarre. Rodney, der kleine Lausbub, mache seine gekonnt tänzerischen Bewegungen und war sofort Mittelpunkt der ganzen Gesellschaft.

Wie in Trance wiegte er sich hin und her, die Arme so haltend, als ob er Chuck Berry auf einer Gitarre begleiten muß. Und dann ist er auch schon aufmüpfig geworden, hat Starallüren gezeigt. Hat er sich früher nach (fast) jeder Musik bewegt, so hat er an dem Fest schon seine Forderungen an mich gestellt. "Bitte jetzt Las Cahobas li belle". Na, ja, diesen Wunsch habe ich ihm gerne erfüllt, denn dieses Lied singen alle mit. Laut und vernehmlich wurde die Nacht vom fröhlichen Gesang durchdrungen, in dem die rufe der Mütter, die Kinder sollen doch, bitteschön, mal langsam nach Hause, völlig untergingen; und der die Sehnsucht in anderen weckte, auch dabei zu sein. Lachend weckt er mich aus meinen Gedanken. Er springt auf mich zu und läßt sich einfach fallen; voller Vertrauen, daß ich ihn auffange. Und das tue ich. Mit beiden Händen packe ich ihn unter den Armen, reiße ihn hoch und drehe mich mit ihm.

"Hey, Rodney", rufe ich dabei, "schön dich zu sehen".

Die Fete

Eine Feier steht an: die Küche ist fertiggestellt, finanziert mit dem Geld, welches STEFAN zurückgelassen hat und aufgebaut mit tatkräftiger Hilfe aller im Hause, Rodney hat Geburtstag und, auch, ja, Stefans Geburtstag muß nachgefeiert werden. Oscar macht eine Liste, was alles besorgt werden muß: fünf Dollar soll die Kremasse, ein Liter Eierlikör mit viel Zucker, und weitere fünf Dollar die Kola und Bonbons für die Kinder kosten. Das ist mir zuviel. Ich spreche mit Dietlinde. Aus diesem Gespräch entwickelt sich eine andere Idee: ich kaufe je ein halbes Pfund Weizen-, Kartoffel- und Maismehl, dazu Zucker, drei Eier und fünf Orangen. Das wird alles schön gemischt, geknetet, mit Bananen und Kokos angerechert und im heißen Öl gebacken. Zu Trinken gibts für die Kinder zehn Orangen, ausgepreßt und mit viel Zucker und noch mehr Wasser auf fünf Liter hochgesteckt. die Erwachsenen bekommen nochmals des Gleiche, jedoch angereichert mit einer Flasche Wermuth, die mir Vanelle einen tag vorher geschenkt hat, weil ich ihm bei der Reparatur seiner Musikinstrumente mehrmals geholfen habe.

Einen tag vorher habe ich vom dreißig Minuten entfernten Fluß Holz für das Feuer herangeschleppt. So kann das Öl lustig sieden. Ich habe den Teig geknetet, Oscar und Mackenoll formen kleine Kuchen und Madame Andreville schürt das Feuer. Mhh, schmecken die kleinen Kuchenbällchen toll...

Um fünf Uhr ist alles angerichtet. Madame stellt ihre sechs einzigen Gläser zur Verfügung und schon ist die Hälfte der Limonade in acht durstigen Kindermündern verschwunden. Madame und ich probieren die Bowle. Hmm, welch zarter Wermuthgeschmack...

Es wird dunkel. Die ersten Gäste, nicht eingeladen, aber angelockt durch das Lagerfeuer und unseren Gesang, kommen. Rodney tanzt seinen berauschenden Tanz, den Stefan so sehr liebt. Aber auch die anderen schauen begeistert zu. Opfny ahmt nach, beide wieden sich im Rhythmus der karibischen Nacht, die Gäste lachen, reden, amüsieren sich. Manch einer probiert den Kuchen, nicht anerkennend. Weitere Gäste kommen. Das Feuer muß geschürt werden. Hoch lodern die Flammen und bleuchten Rodney, der eine weitere Einlage seines tänzerischen Könnens liefert. Janna, unten aus dem Hause, schaut auch vorbei, ebenso Dietlinde und Jolande. Beide probieren den Kuchen und die Getränke. Jolande, die Verwöhnte, die viel Kola und Coca Cola trinkt, mag beide Getränke nicht. Gottseidank, da haben wir anderen mehr...

Weitere Gäste kommen. Der kleine Hinterhof bei Madame Souvenir ist voll. Die sechs tühle sind jeweils zwei- bis dreifach belegt, die anderen stehen dahinter und staunen. Roro und Gerlins sind da. Ich nicke ihnen zu. Die anderen Gäste verschwimmen in der Dunkelheit. Ich sitze am Rande des feuers und spiele für Rodney auf. Dann sehe ich, daß die Getränke und der Kuchen fast alle sind. Ich nehme die Reste und bringe sie ins Haus. die Gäste maulen; aber was solls. Wir brauchen auch noch was für unsere private Feier später.

Madame staunt immer wieder über die Vielzahl der Gäste. Soviele Menschen waren noch nie bei ihr zu Gast. und alle haben glänzende Laune, amüsieren sich königlich. Oscar, der kleine Schlingel von fast erwachsener Tochter, hat sich mit ihren Freundinnen ins Haus zurückgezogen und schlürft ein Glas Limonade nach dem anderen, ißt den Rest der Kuchen.

Es wird ein großes Fest. Vierzig, fünfzig, sechzig Personen kommen vorbei, sagen Hallo, amüsieren sich, auch ohne Essen und Trinken. Langsam sackt das Feuer in sich zusammen. Die ersten Gäste gehen. Wir räumen die Stühle ins Haus und machen drinnen weiter. Nachbarskinder sagen Gedichte auf und tragen Lieder vor; in der Schule und Kirche gelernt.

Alle stimmen ein Lied für Rodney an. Er sonnt sich in dieser Woge der Aufmerksamkeit. Seine Taschen sind voll mit Lufballons, einer Zahnbürste und anderen kleinen Geschenken. In der Hand hält er ein kleines Plastikskelett und fuchtelt wild damit herum.

Ein leichter Regenschauer läßt andere Gäste gehen. Eltern rufen ihre Kinder. Noch immer sind viele da. Es wird ruhiger und persönlicher. Madame erwähnt, daß dies auch eine Fier für Stefan ist, den Gast aus Deutschland, der hier zehn Tage verlebt hat. Oscar stimmt Stefans Lied an: Le Coq est mort. Sie lacht dazu und dichtet das Lied um: Le Coq est la! Denn von dem Geld, welches er in Haiti zurückgelassen hat, wurde nicht nur das Blechdach der neuen Küche gekauft, sondern auch für sie ein Hahn nebst Henne finanziert.

Welch ein Fest! Welch Freude! Welch glänzende Augen! An diesen Tag werden wir bestimmt noch lange zurückdenken...

Ernande

Sie kommt hereingeschneit wie ein großer, kugelrunder, bunter Ballon. Besonders ihr Bauch erinnert mich daran. Ihr Lachen klingt lustig und fröhlich. Nichts Aufgesetztes, sondern ehrlich und aus dem Bauch heraus. So wie ich auch mal wieder lachen möchte. Nichts Halbes, sondern ganz und gar. "Hallo, wie gehts?" Ich schaue erstaunt auf. Und das ist schon wieder ein Grund für sie zu lachen. Jede Erzählung, jede Handlung, jede Aktion mit anderen Menschen würzt sie mit ihrem Lachen. "Was hast du da, was kannst du mir geben?" - Na, hallo, was soll denn das?

Meine Symphatie für sie, eben erst erwacht, schließt die Augen und droht einzuschlafen. Gedanken rasen durch meinen Kopf: "Zurückhaltung ist eine Zier und "Bescheidenheit wird belohnt".

Sie ist nicht bescheiden. Obwohl schon mehrfache Mutter wirft sie einen Blick auf all meine bunten Swachen, faßt ohne Scheu dieses und jenes an und fragt immer wieder, ob ich ihr das geben kann.

Ich sperre meine Symphatie für sie in eine schwere, dunkle Kiste und verschließe sie mit einem großen Schloß. "Hier gibts gar nichts", brumme ich mit der dunklen Stimme, vor der sich meine Frau so fürchtet, "und für dich sowieso nichts!".

Wer glaubt, ich hätte sie damit zur Zurückhaltung gezwungen, irrt! Sofort gurrt ihr helles Lachen durch den Raum. Sie wiederholt meine Worte, die doch nur für sie gedacht waren, sofort mit lauter Stimme, damit es alle, auch die im anderen Zimmer, hören können. Und während sie diesen Satz wiederholt, bahnt sich schon ein neues Lachen seinen Weg. Kaum sind die Worte gesagt, bricht sie wieder in ein lautes, fröhliches Lachen aus, in das die anderen einfallen.

"Mein Gott", denke ich griesgrämig, "so lustig ist das doch wirklich nicht". Doch ich bin der einzige, der so gar nichts lustiges erkennen kann. Ich nehme mir umso stärker vor, sie mit Nichts zu bedenken. Andere, zurückhaltender als sie, bekommen ab und zu einen Brosamen, ein kleines Geschenk; so wie Kolumbus, der seine bunten Glasperlen gegen stumpfes Gold eingetauscht hat.

Erst jetzt ist mir klargeworden, daß ich genau so raffgierig wie Kolumbus gehandelt habe. Nur weil sie so laut und frech und jeden Tag aufs Neue lachen konnte, habe ich angenommen, es gehe ihr gut. doch inzwischen habe ich mehr erfahren: ihre Schule, die sie in Eigeninitiative führt, mußte zwei Monate geschlossen bleiben, weil die Schüler das Schulgeld nicht bezahlen konnten. Und auch die Organisation im fernen Deutschland, die diese Schule eventuell unterstützen möchte, hat nur ein Formular geschickt; "die Sache müsse geprüft werden, etwa ein bis zwei Jahre".

lSie hat, um wenigstens etwas Geld zu bekommen, für Nachbarn Kuchen gebacken zu Festtagen fünf bis zehn Stück, hat den ganzen Tag gerührt, geknetet. Zusätzlich hat sie von entfernten Verwandten ein Mädchen bei sich aufgenommen. Sie kann zwar etwas im Haushalt helfen, aber dafür muß Schulgeld, Essen und Kleidung von ihr bezahlt werden.

Bei all dem hat sie nie ihre gute Laune verloren. Sie hat weiterhin glockenhell aufgelacht, auch wenn sie zehn, zwölf, vierzehn Stunden am Tag arbeiten mußte, um all die Backwaren rechtzeitig fertig zu haben. Dazwischen hat sie Kleider genäht, für die eigenen Kinder und für fremde Leute. Und sie hat auch nicht ihre gute Laune verloren, als die jüngste Tochter krank wurde und teure Medikamente brauchte. Doch ich spielte den Griesgrämigen, den Touristen aus dem fernen Europa, der abgeben sollte und es zwar hätte könne, es aber nicht wollte. Erst jetzt, nachdem mir berichtet wurde, welch große Anstrengungen es sie kostet, sich und die Kinder zu ernähren, habe ich meine Ansicht geändert. Wie heißt es doch so schön in einem Gedicht von Matthias Claudius: "Seht ihr den Mond dort stehen, er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön; so sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn".

Ich möchte mich bei dir entschuldigen, liebe Ernande. Nur weil du so fröhlich gelacht hast, habe ich angenommen, es gehe dir gut. Doch gerade die Reichen, das weiß ich aus eigener Erfahrung, klagen besonders gerne. Fast so gerne wie die satten Bürgersfrauen, die glauben, mit ihrem Klagen die Leute um sich herum, die Kinder, den Mann, fester an sich binden zu können.

Fast wäre auch aich auf diese Klagen hereingefallen. Aber du, Ernande, hast mich davor bewahrt. In Zukunft werde ich mich bemühen, nicht mehr die Menschen nach ihrem äußeren Gehabe zu beurteilen. Und außerdem: nicht die Klagenden, die Wehleidenden, sind unterstützenswert, sondern die fröhlichen, die lachenden Menschen. Denn sie sind es, die unser Leben liebenswert machen.

Maria

Zuerst stirbt die Mutter. Dann wird der Vater krank. sie umsorgen ihn, so gut sie können, geben ihm abwechselnd zu essen und schieben ihn morgends unter das Blätterdach vor ihrem Haus. Abends bringt einer der Brüder den Alten wieder zurück in die Hütte. Es ist ein einfacher Raum. Zwei Betten stehen dort, zwei Stühle und ein Tisch. Auf dem Tisch stehen zwei Schüsseln, gefertigt aus der hölzernen Frucht der Calbas. Drei Blechteller stehen in einer Platikschüssel, zusammen mit zwei Löffeln, einer Gabel, einem Messer und einer Schöpfkelle. Aus. Mehr Küchengeräte gibt es nicht. doch, halt, draußen vor der Hütte steht ein hölzener Mörser, mit dem das Petite Miel, Kaffeebohnen und der Mais kleingestampft werden. Und irgendwo muß noch der kleine Handmörser herumliegen. Die Mutter hat damit kleine Portionen Kaffee und das grobkörnige Salz pulveresiert. Doch die Männer trinken keinen Kaffee. So verschwindet der kleine Mörser Tag für Tag mehr aus ihrem Blickwinkel.

Abends flüstert der Alte, wenn ihn einer der Söhne ins Haus trägt zu: "Such dir eine Frau. Wir brauchen wieder eine Frau im Haus." Ansonsten beteiligt er sich selten an ihren Gesprächen. Sie sitzen abends beisammen und berichten von ihren täglichen Erlebnissen. die Petroleumlampe, die der Älteste gestern vom fernen Markt mitgebracht hat, spendet ruhiges Licht. Nur oben aus dem Glaskolben strömen feine rußpartikel. die Brüder wissen nicht, daß der Hals des Glaskolbens immer mal wieder saubergewischt werden muß. "Wir haben nicht genug Geld, um drei Frauen zu ernähren", sagt der eine. "Wir haben nicht genug Platz für drei Frauen", sagt der andere. Der Jüngste sagt nichts. Er ist müde! Es war ein anstrengender Tag. Er hat Petite Miel gepflanzt. Er geht hinüber zum Bett und legt sich hin. Später kommen seine Brüder und legen sich dazu. Ein Laken bedeckt alle. Statt einer Matratze befinden sich alle Kleidungsstücke unter ihnen.

Die drei schlafen in dem einen Bett, der Vater im anderen. Oft liegt er nächtelang wach und röchelt im Schlaf. doch heute ist er ruhig. Auffallend ruhig. Es ist Vollmond. doch die Brüder bemerken nichts. Morgen früh werden sie aufwachen und feststellen, daß er gestorben ist.

"Ihr mußt eine Frau ins Haus holen", sagt die Schwester, die zur Beerdigung angereist ist. "Wir haben nicht genug Geld", sagt der Älteste. "Quatsch", sagt die Schwester, "ihr konntet jahrelang Vater und Mutter ernähren, da werdet ihr doch eine Frau sattbekommen."

"Eine Frau?", hakt der Bruder nach. "Eine", bestätigt die resolute Schwester, "und ich werde bei der Suche helfen". Maria ist groß und schlank. sie unterrichtet in der Schule die Kleinsten, die ABC-Schützen, Jahr um Jahr. Sie geht jeden Sonntag in die Kirche und glaubt inständig an Gott und das, was der Pastor sagt. Ab und an klopft ein junger Mann an ihre Tür und will näheres über sie wissen. doch es bleibt keiner über einen längeren Zeitraum in ihrer Nähe.

Wieder vergehen Jahre. Und plötzlich erwacht eine Sehnsucht in ihr. die Sehnsucht nach einer Familie, einem eigenen Kind. sie schaut sich um, doch es ist niemand da, der ihre Sehnsucht erfüllen kann. All die jungen Männer, die jahrelang in ihrer Nähe waren, sind verschwunden: viele haben eine eigene Familie, manche sind in der großen Stadt, einige im fernen Amerika. Plötzlich erschrickt sie. Gibt es niemanden für sie? Ihre kleine, festgefügte Welt gerät ins Wanken. Fassungslos sieht sie sich jeden Morgen zur Schule gehen, den Kindern das Alphabet vorkauend und apatisch die Fragen der Eltern beantwortend.

Eines Tages bricht sie zusammen. Weinkrämpfe schütteln sie. Feste lHände nehmen sie in die Arme und streicheln ihren rücken, ihren Kopf. Murmelnde Worte sagen ihr dinge, deren Sinn sie nicht versteht und auch nicht verstehen will. Aber sie öffnen ein Ventil in ihr und sie beginnt der Frau von ihrer Sehnsucht zu berichten, ihre Gedanken, ihre Ängste. "Verlange ich zuviel?" fragt sie später. Die Frau schüttelt den Kopf. "Nein, es ist Gottes Wille. Er hat uns zusammengeführt und ich werde dir helfen." Oh, wie einfach ist das Leben, wenn Träume und Sehnsüchte erst einmal ausgesprochen sind und weitererzählt werden. Dann kann jeder zur Erfüllung beitragen; entweder mit einem guten Ratschlag, oder mit einem konkreten Hinweis. Und einer dieser Hinweise führt sie zu einer Frau. "Ich habe einen Bruder oben in den Bergen", sagt diese, "er sucht eine Frau. Aber er kann nicht viel bieten: eine Hütte, ein Bett, Essen. Er hat einen großen Garten, den er bearbeitet und der ihn ernährt."

Maria hört ruhig zu. sie fühlt sich von der Beschreibung der Frau angesprochen und bittet sie, ihrem Bruder von sich zu berichten. Zwei Wochen später gibt es dazu eine Gelegenheit. Gespannt wartet Maria auf die Rückkehr der Frau. Sie geht jetzt jeden Morgen in die Kirche und bittet ihren Gott inbrünstig um die Erfüllung ihres Herzenswunsches. "Er möchte dich gerne sehen", sagt die Frau später, "er stellt aber eine Bedingung." "Eine Bedingung?" fragt Maria erstaunt, "was für eine Bedingung?" Die Frau lschüttelt den Kopf. "Das wird er dir persönlich sagen". Einen Sonntag später kommt er. Er ist groß und stattlich. ein schöner Mann, denkt sie. ein leichtes Kribbeln beginnt sich in ihrem Körper auszubreiten. Schweigend gehen sie nebeneinander her. Er, langsam und behäbig, sie mit stolzem, aufrechten Gang. Er berichtet von sich, von der Arbeit, seinen Nachbarn. Sie erzählt von sich und ihrer Arbeit. Und von den Kindern, die sie Tag für Tag unterrichtet und die in ihr den Wunsch nach eigenen Kindern geweckt haben. "Welche Bedingung stellst du an mich", fragt sie ihn später. "Besuch mich", antwortet er", dann wirst du sie erfahren."

Deute einer Frau, die dir nichts bedeutet, niemals an, es gebe ein Geheimnis. Denn das regt ihre Fantasie unendlich an. Ihre Gedankens beschäftigen sich Tag und Nacht damit und, weil du es bist, der mit diesem Geheimnis in Verbindung steht, mit dir. Weder Maria, noch der Mann wissen von diesem Zusammenhang. Doch gleichwohl beschäftigen sich ihre Gedanken mit ihm, Tag für Tag. Abends, vorm Einschlafen, ist er ihr letzter Gedanke, morgens ihr erster. Immer stärker wird in ihr der Wunsch, die Frau dieses Mannes zu werden. "Danke, Gott", sagt sie in ihren vielen Gebeten, "daß du mir geholfen hast."

Dann, endlich, ist es so weit. Sie macht sich auf den Weg zu ihm, begutachtet die Hütte, den Garten, das Land, die Nachbarn, die Geschwester. Abends sitzen sie im Schein der lPetroleumlampfe zusammen. Sie haben gegessen und getrunken, gelacht und gescherzt. "Und deine Bedingung?" fragt sie. Er schaut sie lange an. Dann deutet er auf seine Brüder. "Wir möchten, daß du uns allen eine Frau bist." Eine große Stille breitet sich aus. Sie glaubt, das Prasseln des Feuers in der Petroleumlampe zu hören und schaut unwillkürlich hin. Sie sieht die feinen Rußpartikel. Fast mechanisch steht sie auf, nimmt den Glaskolben und reinigt die Spitze mit einem Tuch. Dann rastet das Gals wieder ein. Helles, strahlendes Licht, ohne eine leinzige Rußflocke, breitet sich aus. Sie schaut die drei Männer an. Sie kann nichts denken. Sie ist wie gelähmt, willenlos.

Jubelnd wird der neue Erdenbürger begrüßt. Es ist ein Mädchen. Und wenn ein Mädchen geboren wird, ist das Fest besonders groß; wissen doch alle, daß Mädchen mehr und vor allem besser die Familie zusammenhalten können. In dieser Nacht schläft der Jüngste in ihrem Bett. die beiden anderen sind zum großen Markt nach Las Cahobas gefahren. "Wer ist der Vater?" möchte er wissen. Sie schaut ihn erst an. "Versprichst du mir, es nicht weiterzusagen?" fragt sie. Er nickt. Sie umschlingt ihn mit ihren Händen und drückt seinen Körper fest an sich. "Du bist der Vater", flüstert sie ihm leise ins Ohr; und spürt gleich darauf die freudige Überraschung, die sich bei ihm, ähnlich wie bei seinen beiden Brüdern, denen sie vor vielen Nächten das gleiche gesagt hat, im Atem bemerkbar macht. Und sie spürt seine Hände, die sie zart und sanft streicheln. "Ich möchte noch ein Kind", sagt sie leise, fast unhörbar. Doch er hat gute Ohren. Er versteht ihre Worte; genau wie seine Brüder sie in den anderen Nächten verstanden haben. "Ich werde stets ein Diener deines Herzens sein", sagt er glücklich. Das ist eine Redewendung aus der Zeit, als die Franzosen hier noch herrschten und die Sprache geschliffen wie ein wunderschöner Diamant anzuwenden wußten. Und es bedeutet: "Diesen Wunsch erfülle ich dir gern."

Quelle plesier

Mit gemischten Gefühlen schaue ich ihn an. Er sieht grimmig und ruppig aus, dunkel wie Toastbrot und ohne jeden erkennbaren Liebreiz. Und neben ihm soll ich den zehnstündigen Flug nach Paris verbringen?

Er schaut mich nur kurz an: Shorts, barfuß (die Haitianerin am Flughafen von Port-Au-Prince ließ mich barfuß nicht den heiligen Boden des Flugplatzes betreten; ich mußte mir erst meine Platislatschen für zwei Dollar anziehen...), bärtig, ein buntes T-Shirt. "Vielen Dank", sagt er zur Stewardeß, "daß ich diesen Platz bekommen habe. Es ist mir schon passiert, daß mich Passagiere wie den letzten Dreck behandelt haben. Aber neben diesem Mann fühle ich mich wohl!"
Was soll ich dazu sagen?`
Er hat es ja noch nicht einmal zu mir, sondern der Stewardeß gesagt. "Merci", denke ich. Er hat mich sofort und richtig eingestuft: ich werde der liebenswerte Mitreisende sein, den er sich bei früheren Reisen so sehr gewünscht hat. Quelle plesier...

Der Kanadier

Er war gekommen, um zu sterben.

In Kanada kennt mich jeder, dachte er, welch eine Schande, wenn ich dort einen Selbstmord verübe. Haiti dagegen, ist weit weg. Er hatte es vor Jahren einmal als Tourist besucht; später las er in den Zeitungen von Unruhen. Das ist das richtige Land, um zu sterben, dachte er bei sich. Meine Freunde und Bekannten werden annehmen, die politischen Unruhen seien Schuld an meinem Tod.. .

Er ließ einen großen Scherbenhaufen in Kanada zurück. Der Alkohol, ständiger Begleiter, hatte seine Sinne getrübt. Aber noch nicht so sehr, daß ihm alles egal war. Er sorgte dafür, daß die Bank seine Gläubiger befriedigen konnte und seine winzige Immobilie, in glücklichen Tagen erworben, verwaltete. Alles andere löste er auf, liquidierte, befreite sich davon.

Dann seine Reise nach Port-Au-Prince. "Perle der Antillen", las er in einem Prospekt. So ein Quatsch, dachte er. Er sah nur verwahrloste Häuser, dreckige Straßen, Schutt und Abfall. "Haiti ist das ärmste Land der westlichen Welt", las er weiter. Das verwunderte ihn etwas, denn nirgends sah er verhungerte Gestalten, ganz selten nur einen bettelnden Greis und noch seltender wurde er angesprochen.

Stundenlang ging er durch die Stadt und sah sich Gebäude und Brücken an, suchte nach einem Bauwerk, von dem er sich hinabstürzen konnte. Doch es gibt nur wenige Hochhäuser in Port-Au-Prince. Und die wenigen schienen ihm nicht hoch genug. Denn mehr noch als vor Schande, die er seiner Familie im fernen Kanada antun könnte, ängstigte ihn der Gedanke an ein Leben als Krüppel.

Sein Bruder, jahrelang leuchtendes Vorbild in seinem Familienklan, hatte es mit den Jahren zu Wohlstand, zwei Häusern, drei Autos und noch vielerlei mehr gebracht. Dazu ein Bankkonto, welches sich nur deshalb nicht aufblähte, weil es die Bank statt mit Gold nur mit Luft gefüllt hatte; doch jederzeit bereit war, es gegen knisternde Papierscheine umzutauschen.

"Noch ein Jahr, nach meiner Pensionierung, beginnt mein Leben", pflegte sein Bruder zu sagen - und seine Augen leuchteten dabei voller Vorfreude. Doch dann kam alles anders. Zuerst ein Geschwulst am Bein, dann eine Operation, dann noch eine. Und jetzt muß er regelmäßig zum Blutaustausch, muß Diät leben und weiß nicht, ob er die nächste Woche noch erleben darf. Seine einzige Greude besteht darin, im Stuhl vorm Haus zu sitzen und sich von der Sonne wärmen zu lassen. doch jetzt, im kanadischen Winter, ist ihm auch dieses Vergnügen versagt.

"Er hätte hierherkommen sollen", denkt der Kanadier. Er ist nur ein paar Jahre jünger als sein Bruder. So wie er möchte ich nicht dahinvegetieren. Lieber mache ich gleich Schluß!

Wieder ist ein Tag verstrichen. Und wieder hat er kein passandes Gebäude gefunden. Stattdessen hat er lange am Strand gesessen und dem Spiel der Wellen zugeschaut. Mist, denkt er, nichts klappt wie vorgesehen. Selbst der Alkohol, in Kanada trostreicher Spender, versagte hier seine Wirkung.

Ab und zu kommt ihm Gott in den Sinn; aber er verscheucht diese Gedanken. "Hau ab", sagt er zornig, "ich habe andere Sorgen. Ich kann mich jetzt nicht um dich kümmern."

Gary, der fünfzehn Jahre lang in seinem Zimmer lebte und keinen Tag nach draußen ging, weil ihm seine Mutter liebevoll, aber voller Strenge, Tag für Tag die bunten Pillen, Valium, verabreichte, sagte eines Tages zu Stefan. "Wer die Musik der Karibik hört, kann keinen Selbstmord begehen."

Ob es die Musik war, die karibische sonne oder Gottvater selbst, sei dahingestellt. Auf jeden Fall hörte der Kanadier ganz deutlich etwas in sich sprechen. "Geh weg", schrie er; doch mehr als alter Gewohnheit, als es wirklich ernst zu meinen. Er hatte sonst niemanden...

Neugierde war es schließlich, die ihn dazu brachte, auf den Sinn dieser Botschaften zu achten. "Ich werde dir helfen", entzifferte er mühsam. "Ich bin bei dir. Wann immer du mich rufst, ich helfe dir." Wieder will er diese Gedanken fortjagen, aber er ist müde. "Laß doch", beruhigt er sich selbst, "laß ihn doch." Mit Verrückten soll man nicht streiten. Und außerdem, aber das wagt er sich nicht einzugestehen, ist es immer gut jemanden zu haben, der einem uneigennützig hilft.

Die amerikanische Frau bleibt neben ihm stehen. "Lies ruhig", sagt sie zu ihm und gibt ihm das Buch. Es geniert etwas, es anzunehmen. Aber er hatte schon seit einiger Zeit hingeschaut und sich gefragt, was sie liest. Jetzt weiß er es. Es ist die Bibel.

Die Frau geht einfach weiter, hinein in das Wasser des karibischen Ozeans und läßt ihn mit dem Buch allein. Er schaut ihr nach. Dann, neugierig geworden, schlägt er das Buch auf, irgendwo in der Mitte. Er liest Worte, ohne einen Sinn darin zu erkennen. Doch sein Geist, der so lange ohne Lesestoff war, ist ausgehungert und bereit weiterzulesen.

Am nächsten Tag besucht er wieder diesen kleinen Strandabschnitt. Wieder gibt ihm die Amerikanerin ihre Bibel und wieder liest er ohne zu verstehen.

Nach einer Woche reist die Amerikanerin ab. Er spürt Bedauern, doch ehe sich dieses Gefühl richtig ausbreiten kann, gibt sie ihm ihre Bibel. "Da, nimm", sagt sie, "ich habe meine Adresse hineingeschrieben, besuch mich ruhig einmal."

Er nickt; doch es ist ein unverbindliches Nicken. Er ist immer noch mit sich und seinen schwermütigen Gedanken beschäftigt.

Langsam, ganz langsam und unmerklich verändert sich etwas in ihm. Ist es die innere Stimme, die jetzt immer häufiger zu ihm spricht? Ist es die sonne, die Wärme des Meeres, das Rauschen des Windes? Sind es die Menschen, die um ihn herum wirken? Ist es die haitianische Frau, die dieses Stückchen Strand gekauft hat und es Tag für Tag an Badende vermietet? Sie bittet ihn immer wieder um seine Mithilfe. Und er, der früher von sich behauptet hat, er hätte zwei linke Hände, verrichtet immer wieder handwerkliche Arbeiten, bereitet Mahlzeiten für die Gäste und kassiert Eintrittsgelder. Er bezahlt schon lange nichts mehr für sein Hiersein. Oft ist er allein und sitzt in aller Ruhe unter den Palmen, schaut aufs Meer und läßt seine Gedanken fließen. An seinen Selbstmord denkt er immer weniger.

Eines Tages verspürt er den Gedanken, mit dem Trinken des Alkohols aufzuhören. "Ich helfe dir", sagt die Stimme in ihm, "bleib ganz ruhig."

Dann beginnt er, sich mit der Stimme zu unterhalten. "Wer bist du?" fragt er. "Ich habe dir das Leben gegeben". Er erschrickt; denn ihm fällt ein, daß er noch vor wenigen Wochen so ganz andere Gedanken gehabt hat. Doch unmerklich haben sich seine Gedanken verändert. Wer oder was hat das bewirkt?

Waren es die gleichen Kräfte, die damals, vor knapp zweihundert Jahren, als Haiti seine Unabhängigkeit erklärte und Napoleon daraufhin siebzigtausend Soldaten nach Haiti beorderte, diese Soldaten dazu brachten, daß sie nicht einen einzigen Kampf führten; sondern diesem Land und seinen Menschen ihre Liebe erklärten?

"Es ist Gott, der zu mir gesprochen hat", sagt der Kanadier. Er lebt jetzt sieben Jahre hier. die haitianische Frau hat ihm volle Partnerschaft angeboten. Er sitzt jetzt Tag für Tag hier draußen am Strand von Carrefour und pflegt dieses kleine Stück Strand, wartet auf Touristen, bereitet Essen zu, repariert die Duschen, verteilt Liegekörbe; oder sitzt einfach so in der karibischen Sonne. Abend trifft er die haitianische Frau in ihrer Wohnung. Sie tauschen Erlebnisse aus. Er berichtet, was Gottes Stimme ihm gesagt hat. "Laß los! Trenne dich von irdischen gütern! du bist ohne güter auf die Welt gekommen und wirst die Erde ohne Güter verlassen!"

Er hat losgelassen. Nur die Bibel behält er. Aber auch sie ist er bereit abzugeben. Später, wenn er sie nicht mehr braucht. "Gute Reise", wünscht er mir zum Abschied. "Ich werde Gott bitten, daß er dich beschützt und wieder hierher nach Haiti leitet."

Er schaut mich ernst an. "Ich habe Gott alles zu verdanken, mein Leben, als ich geboren wurde; und mein zweites Leben, als ich es mir nehmen wollte. Und auch als ich mit dem Rauchen und dem Trinken aufhören wollte, war er es, der mir dabei geholfen hat." Er lächelt leise. Seine Augen strahlen. Seine grauen Haare verleihen ihm ein würdiges Aussehen. Er ist jetzt sechzig Jahre, gesund und voller Harmonie.

"Gott kann überall zu dir sprechen", sagt er. "Ich freue mich jedoch darüber, daß er mich hierhergeleitet und hier mit mir gesprochen hat." Das Wasser plätschert leise gegen die Mole. eine leichte Abendbrise bringt angenehme Kühle.

Wir spüren beide diesen Flair, den schon Christoph Columbus vor mehr als fünfhundert Jahren gespürt haben muß - und was diesem Land die Auszeichnung "PERLE DER ANTILLEN" eingebracht hat.

Die Statistik hat immer recht

Haiti gilt als das ärmste Land der westlichen Welt. So etwas darf nicht einfach behauptet werden, so etwas muß belegt werden! Dazu werden Beamte losgeschickt, die erforschen, welche Einnahmen einzelne Bürger haben.

In der Hauptstadt ist das einfach. Händler werden nach ihren Einkünften gefragt, andere eingeschätzt. Schwieriger wird es in den kleineren Städten. Wer verdient dort schon Geld? Viele haben Gärten, in denen das ganze Jahr über Früchte wachsen, Erbsen, Mais und Gemüse. Davon wird die Familie ernährt, ein eventueller Überschuß auf den Markt gebracht - dort gibt es für die süße Organge drei Pfennig, für die Banane fünf Pfennig, für die Mango sechs Pfennig, für die Corossol sieben Pfennig, ein Pfund Erbsen für zehn Pfennige.

Geduldig notiert der Beamte all diese Preis und Einnahmen. Noch weiter oben in den Bergen haben die Leute überhaupt kein Geld. Es gibt keine Straße dorthin, nur kleine Eselspfade. Nur selten, vielleicht einmal im Jahr verläßt einer der Bewohner das Dorf. Er geht dann von Freunden zu Verwandten und wird lüberall gastfreundlich aufgenommen. Denn Gastfreundschaft gehört zum Wesen des Haitianers. Auch der Beamte, der sich in eines der Dörfer gewagt hat, wird gastfreundlich aufgenommen. Jeder der Bewohner bringt ihm eine Kleinigkeit. Zum Schluß hat er Säcke voll Mais, Kartoffeln, bohnen, Orangen und andere Früchte. Wie soll er das nur transportieren?

Doch Geld - Geld existiert hier in den Dörfern überhaupt nicht. Später wird in den Regierungspalästen nachgeschaut, wieviele Einwohner die einzelnen Städte und Ortschaften haben. Die Zahlen sind total lüberaltert oder einfach geschätzt. Für Lascahobas zum Beispiel werden fünftausend Einwohner angegeben, aber die Bewohner hier wissen, daß vier- bis fünfmal soviele Menschen leben.

All die Zahlen werden addiert, dort noch ein bißchen aufgerundet oder poliert und schon steht fest, wieviel ein Haitianer im Durchschnitt verdient: pro Tag einen Dollar.

Diese Statistik wird weitergegeben an die UNO, an die Amerikaner, an die EWG, an die Deutschen. "Zu arm für uns", sagen die Amerikaner. "Gut für uns", sagen die deutschen Organisatoren, die Geld für die Armen sammeln. Nur die Japaner sagen nichts. Sie bringen einfach ihre Autos nach Haiti, eines nach dem anderen. Und eines nach dem anderen wird von Haitianern gekauft. die straßen sind voll mit diesen neuen, blitzenden Automobilen. Händler haben sie vollgeladen mit Waren oder Menschen. In einen Kleinbus werden zwanzig Menschen gesteckt. Jeder zahlt für eine kurze Strecke nur dreißig Pfennig. Der Fahrer fährt von morgens bis spät in die Nacht. Rund tausend Menschen transportiert er dabei von den Vororten in das Stadtzentrum und zurück. runde dreihundert Mark hat er dabei eingenommen.

Nach ein, zwei Jahren ist das Auto bezahlt. Er kann dann einen neuen Wagen kaufen und den alten an einen anderen Fahrer untervermieten.

Keine Statistik kennt diese Einnahmen, kein Beamter kontrolliert. Ich habe mich überall umgesehen, aber nirgendwo habe ich einen einzigen hungernden Menschen gesehen. Im Gegenteil, überall habe ich Bäume mit Orangen, Mangos oder Avokados gesehen, deren reifen Früchte auf die Erde fielen und dort unbeobachtet liegenblieben.

Noch eines zeichnet die Haitianer aus: ihre Solidarität! Die Zuckerfabrik zum Beispiel ist fest in amerikanischer Hand. Immer mal wieder machen die Amerikaner den Zucker knapp, um auf diese Weise den Preis erhöhen zu können. doch die Haitianer, obwohl sie gerne Zucker naschen, machen gemeinschaftlich Front dagegen: sie kaufen einfach keinen Zucker mehr ein.

Und genau so wird es mit Tabak und allen anderen Genußmitteln gemacht. Sobald eine Ware einen bestimmten Preis übersteigt, wird sie einfach nicht mehr gekauft. die Japaner haben es schon lange begriffen. Neben idhren teuren Sachen bringen sie ihren Ramsch und ihre ausgediente Technik nach Haiti. Und die neue Technik, zum Beispiel ein Videorecorder, hat dann seinen neuen Preis.

Die Statistik hat Recht: Haiti ist das ärmste Land der westlichen Welt. Aber es hat alles, was kaufenswert ist. Nur, es ist alles hier sehr, sehr billig. Und - ein Kuriosum - die Preise haben sich in den letzten fünf Jahren überhaupt nicht geändert. Und bestimmt werden sie sich in den nächsten fünf Jahren wiederum nicht ändern.

Haiti - du ärmstes Land, welch glücklicher Umstand. Denn, so steht es geschrieben: die Ärmsten werden die Reichsten sein!

Das Adoptivkind

Zwölf Jahre ist sie alt und weitgereist. Zuerst wohnte sie mit ihrer Mutter in einem kleinen Dorf oben in den Bergen. Aber der Vater fühlte sich für die beiden nicht zuständig und so zog die Mutter in die große Stadt. lDort behinderte das Kind die junge Mutter doch sehr. Deshalb horchte sie auf, als ihr jemand berichtete, eine Frau aus dem fernen Europa möchte ein Kind adoptieren...

Und so kam es, daß das Mädchen mit ihrer neuen Mutter nach Frankreich fuhr. doch Jahr für Jahr kam die Mutter mit ihrer Tochter wieder zurück nach Haiti. Nicht mehr in das Dorf ihrer Mutter, sondern in eine kleine Stadt; einen Tagesmarsch entfernt von ihrem früheren Wohnort.

Die Welt ist sonnig und voller Freude für das Kind. Tagsüber spielt sie mit ihrer Freundin "Ladenbesitzer". doch das Spiel wird ernst. Leute kommen und kaufen in ihrer "Boutique" all die Sachen, die die beiden gemeinsam auf dem Markt eingekauft haben.

Doch dann kommt der Brief. Babi hat ihn geschrieben, der große, fünfzehnjährige Junge von gegenüber. Er schreibt darin, er liebe sie und was sie von ihm halte.

Fortan ist sie verändert. Bisher war alles ein Spiel. Abends haben sich die Kinder geneckt: "Liebst du ihn? Liebst du einen anderen?" doch jetzt, sie spürt es irgendwie, ist es mehr geworden.

Am Abend steht sie mit ihm außerhalb des Lichtscheines einer Laterne. Sie hält ihn, er hält sie fest. Sie reden, sie schweigen, sie genießen. Am nächsten Tag geht sie mit ihm, seiner Schwester und seinem kleinen Bruder zum Baden. Ebenfalls am übernächsten Tag.

Sie vernachlässigt ihre Boutique. die Familie, bei der sie wohnt, merkt das. Sie sprechen miteinander. Dudu findet das gar nicht gut. Er selbst möchte das Mädchen spädter heiraten, damit alles in der Familie bleibt....

Babi weiß, was sich gehört. Er steckt seiner kleinen Freundin Geld zu. Schließlich muß ein Mann seine Frau finanzieren. Und damit kann Mann nicht früh genug anfangen.

Auch die Familie des Jungen macht sich Gedanken. Was ist, wenn sie nicht mehr genug Geld hat, um hierherzukommen? Sie sprechen mit der Mutter des Mädchens und bieten ihr an, das Flugticket zu bezahlen, eventuell, falls es mal nötig ist, natürlich nur im Ausnahmefall.

Und dann will auch der Vater des Jungen das Mädchen sehen. Doch der Vater wohnt mit einer anderen Frau in der fernen Stadt. "Kommst du mit?" fragt er das Mädchen. Sie nickt. "Ja, gerne", sagt sie.

"Mama, ich muß für ein paar Tage wegfahren", berichtet sie ihrer Mutter. "Darf ich?" - "Welch eine Frage, mein Kind", sagt sie lachend, "natürlich darfst du..."

Der Casanova

Er ist fremd hier, frisch angekommen aus Europa, aber Frauen, so denkt er, sind überall gleich. Man muß sein Interesse bekunden, ihnen schöne Augen machen und schon schmelzen sie dahin.

Er geht auf den Markt. Eine Markthändlerin spricht ihn an. "Hallo Weißer", sagt die kaffeebraune Schöne. Er bleibt stehen, sieht sie an, erwägt. Dann, ganz schnell, hat er seinen Entschluß gefaßt: sie ist ein würdiges Opfer. Groß und Charmant, eine gute Figur, ein schöner, runder Busen und Beine, die ihm gefallen. "Hallo", sagt er ebenfalls, "hast du viel Arbeit?" Es gehört zu seinem Stil, daß er die Frauen, die er erobern möchte, sofort duzt (mit anderen Worten, er duzt alle Frauen; ausgenommen die ganz, ganz Alten). Sie lächelt ihn an. Dieses Lächeln gefällt ihm. Er weiß, er hat eine gute Wahl getroffen. "Nein", erwidert sie, "heute ist nicht so viel zu tun". Er pirscht sich weiter vor. "Du siehst schön aus", sagt er. Sie lacht glockenhell auf. "Habt ihr gehört", ruft sie ihren Nachsbarinnen zu, "er hat gesagt, ich wäre schön".

Die eine Nachbarsmarktfrau hat gerade ein kleines Nickerchen gemacht. Sie schreckt auf. die anderen Nachbarinnen haben gerade Kundschaft. Auch sie fühlen sich gestört. "Kann die Frau unser Gespräch nicht vertraulich behandeln", denkt der Casanova, "sie sieht doch selbst, daß die anderen gerade beschäftigt sind". "Stehst du hier jeden Tag?" fragt er. Sie schüttelt den Kopf. "Nur zweimal in der Woche. "Es muß dir gutgehen", sagt er anerkennend, "so ein großer Marktstand. bist du reich?" Wieder lacht sie glockenhell. Und wieder wiederholt sie seine Worte für ihre Nachbarinnen. "Habt ihr gehört, was er gesagt hat?"

Die eine Nachbarin hat sich inzwischen aufgerappelt. Jetzt hört sie interessiert zu. Auch die beiden anderen haben ihre Kundschaft abgefertigt und sind ganz Ohr. Und jetzt wird jeder Satz, jedes Wort von ihm, wiederholt und von allen kommentiert.

Er fühlt sich betrogen. Heimlich, still und leise wollte er die Sache abwickeln, eine verschämt kichernde Frau, demütig zu ihm aufblickend, wie in Deutschland, abschleppen und vernaschen.

Aber hier ist alles ganz anders: Sooft er eine Frau anspricht, wird alles ausgiebig diskutiert. Sie will ganz genau wissen, was er will. Und dann spricht sie es ausgiebig mit ihrer Umgebung durch. Und als er frech sagt, was er möchte, nämlich Liebe mit ihr machen, sagt sie, was sie dafür haben möchte, nämlich zweitausend Dollar. Aber das sagt sie nur so dahin, um ihm deutlich zu zeigen, daß sie an dieser Form der Liebe kein Interesse hat.

Er sucht weiter und weiter eine Frau, die sich von ihm betören läßt. Er hat noch nicht aufgegeben. Er hat gehört, eine andere Marktfrau hätte Interesse an ihm, wäre an einem Zusammensein mit ihm während der Dauer seines Aufenthaltes interessiert. Er weiß nicht, welche der Frauen es ist. Hat sie vielleicht ihren Mut verloren? Hat sie vielleicht die Sache mit ihm noch einmal überlegt? Auf jeden Fall hat er diese Information nur aus zweiter Hand. Sie selbst hat sich noch nicht bei ihm gemeldet und sich zu erkennen gegeben.

Ich glaube, er sucht noch heute. Die haitianischen Frauen sind nicht so verschieden von den deutschen Frauen: beide suchen einen Märchenprinzen. doch während bei den Deutschen nur ein verschwommenes Bild davon durch die Fantasie schwirrt, weiß das Mädchen in Haiti ganz genau, daß dieser Märchenprinz Geld haben, und was noch wichtiger ist, ihr auch geben muß. Und solange unser Casanova auf lau, für nix und wieder nix, jemand abschleppen will, ist er im falschen Land. Er sollte zurück nach Europa, nach Deutschland, Frankreich oder nach Amerika. dort wird um das Zusammenleben von Mann und Frau ein solches Geheimnis gemacht, daß die Mädchen nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Nur von ihren Großmüttern haben sie noch die Information im Kopf: stille sein und alles tun, was der Mann verlangt! Ihr armen Frauen in Europa und Amerika, in Indonesien und Japan, wann wollt ihr endlich den Stolz und das Selbstbewußtsein entwickeln, selches hier in Haiti tagtäglich von euren Schwestern praktiziert wird?

Ein Tag im Paradies

Es dämmert. Nebel liegt auf dem gegenüberliegenden Berg. Der Hahn flattert von seinem Baum und kräht. Ein anderer Hahn, weit entfernt, antwortet. Die Perlhühner gehen schnatternd den Weg hinunter, zwei Puter folgen. Dann ist wieder ruhe. ein Kind gegenüber putzt sich die Zähne, lange und intensiv, eine Riesenmenge Schaum im Mund.

Janna zündet liebevoll das Feue, Lelene wäscht ab. die beiden Mädchen von gegenüber kämmen sich gegenseitig und flechten sich bunte Steine ins Haar. Jetzt weiß ich auch, warum die großen Krabbelkäfer, die die kleinen Kellerasseln verschlingen, nur nachts zu sehen sind. Einer hat sich noch nicht verkrochen; schwupps kommt eine Junghenne angerannt und greift sich das Krabbeltier mit seinem spitzen Schnabel. Zwei-, dreimal hackt sie in das Tier, dann verschluckt sie den Käfer.

Die Katze kommt von ihrem Schlafbaum heruntergeklettert und leckt sich. die Sonne hat die Kuppe des Berges erreicht und leuchtet sie an. Das Waser brodelt über dem Holzfeuer. Kaffeeduft breitet sich aus. Ich sitze und schlürfe das heiße Getränk.

Das Ziegenbaby kommt neugierig angeschnuppert; dann plötzlich gibt es Gas und rennt den Garten hinunter, den Abhang hinauf und schaut von oben stolz nach unten.

Langsam gehe ich den Weg zum Markt. Kinder begrüßen mich. Manche stehen abseits und lernen laut das Schujprogramm von gestern auswendig. Auf dem Markt kaufe ich Tomaten, Solat und Knoblauch. eine Markthändlerin zeigt mir ihre Orangen; sie sind süß und saftig und kosten nur wenige Pfennige. Ich nehme sechs Stück.

Dann bereite ich den Salat zu, mit vielen Kräutern und einer Knolle Knoblauch. Hmm, schmeckt das. Und der Durchfall meiner Schwester hat sich nach dem Essen der täglichen Knoblauchknolle verabschiedet; bei mir hat er sich gar nicht erst eingestellt.

Ich schnüre mein Bündel und gehe hinaus in die Berge. Ein Pfad schlängelt sich durch Bananenpflanzen, vorbei an Kokospalmen und Mangobäumen. Zwei kleine Ziegenbabies liegen auf dem Weg und machen mir schnell Platz. Durch das Schilf schimmert weit in der Ferne der große See. Wohlig steige ich in das kristallklare, warme Wasser. Zwei Jungen werfen ihr Netz aus, immer und immer wieder. Nur selten verirrt sich ein Fisch in ihr Netz; aber eine Stunde später haben sie doch ihre Mahlzeit beisammen.

Ich wasche meine getragenen Sachen und ziehe eine neue Unterhose und ein neues Hemd an. Von der Uferböschdung nehme ich mir zwei Stämme Holz und trage sie. Madame Souvenir freut sich über das Brennholz und macht mir dafür später extra einen Kaffee. Doch vorher habe ich wundervoll bei ihr essen können: gekochte, grüne Bananen, Reis, Gemüse und eine Soße.

Abends kommt meine Schwester zu Besuch. Madame Sovenir hat auch für sie einen Schwung Essen zurückgestellt und bietet es an. die Kinder tanzen, singen und tollen vor dem Haus herum. Ich nehme meine Gitarre und spiele ein paar Melodien. Eine Nachbarin kommt vorbei und unterhält sich mit uns. Eine andere Nachbarin setzt sich zu uns. Gemeinsam hören sie sich das schönste deutsche Lied an: Der Mond ist aufgegangen. Es scheint, als habe Matthias Claudius diesen Text extra für uns und für diesen Abend geschrieben.

Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar. Der Wald steht schwarz und schweiget und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar. Wie ist die Welt so stille und in der dämmrung Hülle so fraulich und so hold. Wie eine stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt. Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsere Augen sie nicht sehn. Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel. Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen weitab von dem Ziel. Oh, laß uns einfach schauen, auf nichts Vergängliches trauen, nicht Eitelkreit uns freun. Laß uns einfältig werden und hier auf unrer Erden wie Kinder jung und fröhlich sein. So legt euch dann, ihr Brüder, in Gottes Namen nieder; kühl ist der Abendhauch. Verschon uns, Gott, mit Strafen und laß uns ruhig schlafen und unsern kranken Nachbarn auch.

Um acht Uhr lege ich mich ins Bett. Wohlig räkel ich mich hin und her. Bald, so weiß ich, werde ich lange und ruhig schlafen und morgen erfrischt aufwachen. Ich denke an Gertrud, die große schwarze Schönheit, die ich heute nach Hause begleitet habe und die mir gesagt hat, ich mache zuviel mit dem Kopf; ich denke zuviel. Dann denke ich an Jutta, die mir einen Kranich hierher nachgeschickt hat, an Dana und Nanni, die mir ein Nest im fernen Deutschland warmhalten. Ein großer Käfer krabbelt vorsichtig die Wand hinunter. Eine Maus huscht unter dem Bett hervor. Hat sie sich dort den ganzen Tag versteckt? Ein Hahn kräht, ein Hund bellt. Dann wieder Stille. eine angenehme, helle freundliche Stille, aus der immer wieder Geräusche zu mir huschen. Doch die nehme ich gar nicht mehr wahr. Ich döse hinüber in eine andere Welt, voller Wärme, Liebe, Entspannung; ein anderer Teil des Paradieses.

Der Tourist

Er hatte sich umfassend informiert, Prospekte gaben ihm die nötigen Informationen, die Bank riet zu Reiseschecks und die Frau zu fünfmal Unterwäsche, drei Hosen und sieben Hemden; pro Tag ein anderes im Wechsel. Doch schon am Flughafen von Port-Au-Prince der erste Mißklang: der Kofferträger forderte umgerechnet vierzig Pfennige. doch die Bank, die laut Prospekt geöffnet haben sollte, war weder geöffnet, noch überhaupt zu finden. Der Träger verzichtete nicht nur auf sein Geld, sondern handelte für unseren Reisenden noch den Preis für die Fahrt in die Stadt von dreißig auf zehn Dollar herunter. Immerhin, wie unser Reisender, der auch die dreißig Dollar bezahlt hätte, später feststellte, nur das Doppelte des gesetzlich festgelegten Preises. Dann, beim Hotel, konnte der Taxifahrer (natürlich) nichts mit dem Reisescheck über einhundert Dollar anfangen.

Der Reisende mußte ins Hotel gehen und dort um eine Einlösung bitten. Widerstrebend erklärte sich das Hotel dazu bereit und berechnete neben dem offiziellen Kurs noch eine Bearbeitsgebühr. Hätte der Reisende nicht auf den Rat seiner Bank gehört, so hätte er schon hier diese Geldnote zu einem fünfzig Prozent höheren Kurs tauschen können. Doch dann hätte weder seine Bank zu Hause, noch das Hotel und dessen Bank hier einen zusätzlichen Verdienst gehabt.

Sein Geld, welches für vierzehn Tage reichen sollte, war auf einem nach diesem ersten Tag schon zu zehn Prozent wag. Denn auch das Hotel, "ich suche ein billiges Hotel", hatte er dem Taxifahrer gesagt, worauf ihn dieser nicht in das zweihundert-Dollar-Hotel, sondern in ein vierzig-Dollar-Hotel gefahren hatte, war zu teuer für ihn. doch er war auf die Anregung eines Freundes hier. Und der Freund, das wußte er, wohnt irgendwo in den Bergen. Und dorthin, das wußte er auch, fährt täglich ein Bus.

"Sprechen Sie bloß keinen Fremden an", hatte ihm ein Haiti-Kenner geraten. Hilflos stand unser Reisender in der Morgensonne, mitten in der Stadt. Hätte er auf den gutgemeinten Ratschlag gehört, so würde er noch heute dort stehen. Doch so langsam kam er zu sich selbst und gehorchte seinen Einfällen und Empfindungen. Der erste, den er fragte, wußte nicht so recht den Weg. Aber er fragte einfach andere; gemeinsam berieten sie, wie er am besten den Weg finden könnte. Einer nahm im ein Gepäckstück ab und ging ein Stück des Weges mit ihm. Niemand bettelte ihn unterwegs an, niemand starrte auf ihn; obwohl er der einzige Weiße weit und breit war.

Die Straße wurde voller und voller. Marktstände waren rechts und links aufgebaut, Menschen quetschten sich an ihm vorbei.

Der Busfahrer nach Las Cahobas kannte seinen Freund. Er bot ihm sofort einen Sitz vorn im Auto an, nur zwei Dollar mehr als hinten.

Zwei Stunden saß der Reisende vorn im Cockpit des Tap-Tap und staunte über die Menschen, die Farbenprackt und die Enge der Straße. Händler sprachen ihn an, freundlich und hilfsbereit. Obwohl er gerne einen Saft für umgerechnet vierzig Pfennig getrunken hätte, zögerte er mißtrauisch. Es hätte ja sein können, daß er übers Ohr gehauen wird...

Gern hätte er auch eine Orange für zehn Pfennig oder ein Eis für zwanzig Pfennig genommen; aber die warnenden Worte des Haiti-Kenners ("alle versuchen zu betrügen") summten noch in seinem Ohr. Auch bei der Zwischenstation, auf der Hälfte der Fahrt, verschloß er sich, obwohl die Preise hier noch niedriger waren, allen.

Sein Herz wurde schwer und schwerer, je weiter der Bus rumpelnd in die Berge fuhr. die Hütten am Straßenrand wurden einfach und einfacher, Staub wurde aufgewirbelt und deckte die Menschen zu. "Mein Gott", dachte er, "was mache ich nur hier?"

Doch dann öffnet sich die Schlucht. Las Cahobas liegt vor ihm. Und als der Bus anhält, empfangen ihn Trompetenklänge. Obwohl nicht abgesprochen, erwartet ihn sein Freund. Gemeinsam gehen sie an Hütten und vielen freundlich Grüßenden vorbei. Im Haus seines Freundes wird mit der Hausfrau abgesprochen, daß und wo er schläft, was er fürs Essen bezahlen kann und welche Vorlieben er hat.

Seine Tasche, routiniert und perfekt von seiner Frau gepackt, schiebt er unters Bett und läßt sie dort während seines ganzen Aufenthaltes unbeachtet stehen. Jeden Mittag geht er zum Fluß und badet. Danach wüscht er die getragene Unterhose und das T-Shirt aus; für den Wechsel am morgigen Tag. Was soll er mit seinem Walkman? Die Kinder singen und tanzen abends zu seinen Gitarrenklängen. Was soll er mit all den Büchern? Die Menschen kommen und erzählen abenteuerliche Geschichten, selbsterlebt oder selbsterfahren. Was soll er mit seiner Tauchausrüstung? Wohlig räkelt er sich in der langsamen Strömung des Flusses. Das Geld, das in der fernen Stadt einen Tag reichte, genügt hier für den Rest seines Aufenthaltes. Zehn Dollar pro Tag gibt er seiner Gastgeberin und sie gibt ihm dafür ihr gesamtes, hausfrauliches Können, selbstzubereitete Säfte, pikante Gemüse, Reis- und Süßkartoffelgerichte. Wann immer er ins Haus kommt, findet er eine Mahlzeit vor. Mädchen nehmen ihn an die Hand und zeigen ihm das Tal. Abends um acht Uhr sinkt er totmüde ins Bett, morgends um sechs Uhr wacht er erfrischt auf. "Was mich wohl heute erwartet?" denkt er erwartungsvoll und neugierig und dann: "So könnte ich ewig weiterleben..."

Nachbarschaftshilfe

Ich sitze im Garten und puhle meine dritte Knoblauchzehe auf. Hmm, schmeckt das: eine ganze Knolle Knoblauch an das Essen. Und es bekommt mir gut: kein Durchfall, keine Bauchschmerzen, gute Verdauung. Dietlinde kommt. sie hat einen Rucksack voller Erbsen. Heute Morgen wollte sie mit Madame Souvenir losgehen, aber Madame fühlte sich nicht wohl. Daraufhin ist Dietlinde allein in den Garten gegangen.

Er befindet sich außerhalb des Ortes an einem Berghang. Dietlinde hat ihn vor Jahren für Madame Souvenir gekauft. Zum einen, um sich für die immr gute Gastfreundschaft bei ihr zu bedanken und zum anderen, um hier in Haiti ihren Beitrag für ein besseres Leben zu leisten. Denn ein Garten, so erlebt sie hier, kann eine ganze Familie ernähren. Da gibt es das Obst, Mangos, Apfelsinen, Kokosmüsse, Bananen, die, einmal gepflanzt, immer wieder tragen, das ganze Jahr hindurch. Und dann kann zwischen den Bäumen Mais, Erbsen oder Korn angebaut werden. Sogar Gemüse könnte angepflanzt werden; aber das macht viel Arbeit und hat nur Sinn, wenn jeden Tag jemand dorthin geht, um die Pflanzen zu gießen und Diebe abzuschrecken.

Jahr für Jahr hat sie so einen Garten finanziert, fünftausend Quadratmeter für Madame Souvenir, dreitausend Quadratmeter für Madame Armaque, sechstausend Quadratmeter für Madame Monnaien. Die Bäume, gleich in den ersten Jahren gepflanzt, beginnen jetzt zu tragen. Später, wenn sie größer sind, werden sie viel Obst tragen. Zu viel für eine Familie. Es kann dann zum Markt gebracht und verkauft werden und bessert so die Haushaltskasse auf.

"Die Erbsen sind überreif", berichtet Dietlinde, "ab jetzt muß jeden zweiten Tag jemand hingehen und pflücken". Aber wer? Madame hat im Augenblick nur zwei große und ein kleines Mädchen im Haus. Und die drei sind mit Essenmachen und Hausputz ausreichend beschäftigt. Außerdem müssen sie alle drei Halbtags zur Schule. Ihre Töchter, die früher so schön mitgeholfen haben, sind außer Haus. Die zwei jüngsten in Port-Au-Prince, die anderen in New York; um sich weiterzubilden und um zu arbeiten.

Dietlinde hockt sich hin und breitet ihre Schätze aus: Erbsen über Erbsen. Nur, sie müssen noch gepuhlt werden. Auch dabei hilft Dietlinde mit. "Irgendjemand muß die Arbeit doch machen", sagt sie. In diesem Jahr hat sie hier ein kleines Häuschen für sich und ihre Tochter bauen lassen. Da hatte sie kein Geld für den Ankauf eines neuen Gartens. "Aber im nächsten Jahr suche ich wieder jemanden, der sich einen Garten wünscht", sagt sie. Janna gibt ihr einen Teller mit Essen. Ich habe zu Ende gegessen und puhle ebenfalls ein paar Erbsen mit auf. Später bekomme ich von Elena einen Saft. für meine Mithilfe? "So ein Garten macht viele Jahre Freude", sagt Dietlinde. Recht hat sie. Und er kostet nicht viel, so etwa zweihundert Dollar. Und noch etwas Geld extra, um die ersten Bäume zu pflanzen. Denn wer kennt sich hier schon mit der Bearbeitung eines großen Stückes Land aus?

Ich gehe nach oben, zu "meiner Familie", Madame Andreville. dort habe ich mein "überflüssiges" Geld investiert. Zuerst einen neuen Zementfußboden für die Hütte. Dann ein Dach für die Küche, aus unverwüstlichem Wellblech. Und dann entsteht dort ein kleines Häuschen, ein Zimmer für Madame, eines für mich; eine Küche und ein Bad zur gemeinsamen Benutzung.

Und die älteste Tochter hat sich so ernsthaft eine Möglichkeit des Geldverdienens gewünscht - jetzt hat sie einen Hahn und zwei Hennen. Die eine Henne hat gleich am ersten Tag ein ei gelegt; und dann Tag für Tag ein weiteres. Fünf Stück sind es jetzt. Bald werden es acht oder zehn sein; dann wird die Henne anfangen zu brüten, um eine eigene Familie zu gründen. Welch eine Freude leuchtet aus den Augen von Oskar, wenn sie mir von "ihren" Hühnern Neues berichtet. Das Ganze hat nur zehn Dollar gekostet. Wo gibt es sonst noch für das Geld soviel Freude zu kaufen...?

Reinhard Mey

Reingefallen! Ich schäume! Ich bin sauer. Nicht auf irgendjemanden, sondern auf mich. Zuerst wollte ich aus alter Gewohnheit mit den Menschen hier schimpfen, zum Beispiel mit der sechsjährigen Lelene, weil sie während meiner Abwesenheit mein Gepäck durchwühlt und einen Luftballon und etwas Geld weggenommen hat. Den Luftballon streitet sie nicht ab, aber das Geld will sie nicht genommen haben...

Ich bin sauer, weil ich gestern bei der Immigrationsbehörde war. Ich wollte ein Ausreisevisum, weil ich langer als drei Monate bleibe. doch der Beamte hat mir nur eine Aufenthaltsverlängerung für weitere neunzig Tage gegeben, kein Ausreisevisum. Klar, mein normales Visum war noch gar nicht abgelaufen. Was bin ich auch so blöd und renne schon lange vorher hin? Und außerdem, aber das habe ich erst hier erfahren, kostet so eine Aufenthaltsverländerung nicht fünfzig, sondern zwanzig Dollar. Den Rest hat der freundliche Beamte für sich behalten. Gestern, als ich das noch nicht wußte, war ich hochbeglückt über den schnellen Service bei der Ausländerbehörde, aber heute bin ich sauer.

Gut, daß Rodney kommt und mich zum Kaffee einläd. Seine Mutter und seine Schwester begrüßen mich aufs Allerherzlichste. Da verraucht schon ein Teil meiner schlechten Stimmung. Der Kaffee putscht mich zwar wieder auf, aber er gibt mir auch Gelegenheit, über mich und meine Stimmung nachzudenken. Und dann erzählt mir Oskar noch die Geschichte von dem Lastwagen, der bei ihr vor der Tür hielt. Der Fahrer wollte ihre Mutter besuchen. Als er aus dem Haus kam und weiterfahren wollte, war das Auto verschwunden. Es war schon dunkel: Welch eine Aufregung! Doch noch größer war die Aufregung, als das Auto endlich gefunden wurde. Es war nämlich (von allein?) den Berg hinuntergerollt und unten in den Sumpf gerauscht. dort stand es im tiefen Lehmboden und bewegte sich keinen Zentimeter. Quelle maleur! Es mußte erst ein anderer Lastwagen geholt werden, der das Auto herausholte.

Nach dieser Geschichte gehe ich,noch immer sauer, zu meinem Quartier. Und was passiert? Reinhard Mey, hier natürlich unter seinem französischen Namen bekannt, singt einen Chansons für mich. Und dabei schaut mich sein Gesicht mit einem milden Lächeln an. Natürlich nur von einem Bild, welches hier im Haus zusammen mit einer persönlichen Widmung für Carmi, der älteren Tochter, an der Wohnzimmerwand hängt.

Na, jetzt fühle ich mich schon leichter. Danke Oskar, daß du mir die tolle Geschichte erzählt hast und danke, Reinhard, daß du gerade im richtigen Augenblick hier im Radio für mich dein Lied gesungen und gespielt hast. Jetzt bin ich nicht mehr, oder nur noch ein klitzekleines bißchen, sauer. Aber das, so denke ich, kann ich jetzt mit mir ausmachen und brauche nicht mehr mit allen hier im Haus rumzumeckern.!

Der Einheimische

Ich stehe am Flughafen. Meine Gedanken fliegen einen kurzen Augenblick mit, wenn wieder ein Reisender in das Abluggebäude geht. Ich warte auf Stefan, der sich in die lange Schlange der Wartenden eingereiht hat. Nur zentimeterweise kommt er vorwärts. Ich schlendere zum Ankunftsgebäude hinüber. Inmitten der dunkelhäutigen Haitianer stehen ab und zu Weiße, Europäer, deren Hautfarbe von Weiß über Rot bis bran mehrere Farbschattierungen aufweist und die deshalb korrekterweise als Farbige tituliert werden müßten. Na, ja, vielleicht später...

Einen jungen Mann spreche ich an. ein Franzose, der hier für zwei Jahre in einem französischen Kulturzentrum arbeitet. Er will mich später mit seinem Saxophon besuchen.

Stefan hat hier zwei Urlaubswochen verbracht. Ich habe ihm das Land und, die letzten vier Tage, die Stadt gezeigt. Plötzlich war ich derjenige, der kundig sein mußte - und nicht der Tourist, der ich doch eigentlich sein müßte...

Wir verabschieden uns. Er geht hinein (oder hinaus?) ins Abfluggebäude; ich gehe hinaus (oder hinein) in die Dunkelheit. Langesam und fühlbar wird mein Schritt leichter. Niemand ist mehr hinter mir, auf den ich achten, den ich im Auge behalten muß.

Ein Tap-Tap hält. "Grand Rue?" frage ich. Der Fahrer nickt. Ich setze mich vorn zu ihm. Hinten drängeln sich zwanzig Leute im kleinen Holzaufbau. Ein dritter Mann setzt sich vorn zu uns. "Ich wohne in Las Cahobas", entgegne ich auf seine Frage. Er kennt das kleine Nest, er hat Verwandte dort. Welch eine Freude! Er hat zwei Musikcassetten bei sich mit haitianischer Musik. Ich möchte eine davon als Erinnerung haben. Er verkauft sie mir, einen Dollar billiger als auf dem Markt.

Hinter dem Marche de Fer steige ich aus. Ein paar Straßenlaternen erhellen nur schemenhaft die Straße. Viele Menschen warten hier auf eine Weiterfahrt. Der Markt, die Geschäfte, sind geschlossen. Jetzt strömen alle zurück in ihre Häuser.

Leicht und beschwingt gehe ich durch die Wartenden. Niemand spricht mich an, niemand will etwas von mir. Und plötzlich fühle ich mich als einer von ihnen, als Einheimischer. Hier bin ich heimisch. Hier kenne ich alles, das Land, die Leute, die Sitten und Gebräuche, weiß, wie sie hier denken, fühlen, empfinden. Ich verstehe Micheline, die nur totschick gekleidet ihr Haus verläßt und verstehe die Holzkohlenverkäuferinnen, die, von oben bis unten mit Holzkohlenstaub beschmiert, aufrecht und voller Selbstbewußtsein durch die Straßen gehen.

Mein Schritt wird leichter und federnder. Es sind meine Nachbarn, Bekannte, Freunde, die mit mir durch die Nacht gehen.

Die Kleinbusse sind immer noch voll. Ich gehe beschwingt die Avenue lJohn Brown hinauf. Es ist ein Genuß, das Gefühl, in einer vertrauten Umgebung zu sein.

Bei einem Straßenhändler kaufe ich ein Wassereis. Ich bezahle zehn Cent, wie alle Einheimischen hier. Ich biege in die Rue Vaillant ab. Aus dem Nachbarhaus erklingen Geigentöne. Ich nehme meine Blockflöte und gehe hinüber. Laut klopfe ich gegen die Haustür. Eine kleine Seitentür pffnet sich. "Was wollt ihr?" Ach, ja, hier werden Fremde in der zweiten Person Plural angesprochen. "Ich suche die Person, die Geige spielt", sage ich. "Das geht nicht", erwiedert das Mädchen, "sie ist gerade beschäftigt". Aber das genau will ich. Ich will sie sehen, beim Üben, will ihr zuhören. Das Mädchen lßt mich warten und berät sich oben mit einer Frau. Die Geigerin kommt herunter und bleibt im dunklen Hausflur stehen. doch ich will sie beim Üben sehen. Sie kommt mit ihrer Geige herunter. Aber ich bin immer noch nicht zufrieden. Wieder erfolgt eine Beratung mit der Frau oben. Schließlich darf ich eintreten. Oben werde ich auf den Balkon hinauskomplimentiert. Das Mädchen kommt mit ihrer Geige und ihren Noten.

Welch eine Überraschung. Inmitten all der negroiden Schönheiten fällt sie weit aus dem Rahmen. Ein ovales, zartgeschnittenes Gesicht voller Ausdruck und Schönheit. Lange, dunkle Haare wie bei europäischen Frauen und eine zartbraun getönte Haut. lUnd dann ihr Lächeln. Sie ist das schönste Mädchen, welches ich bisher hier in Haiti gesehen habe.

Ich blättere die Noten durch. Ein zweistimmiges Stück fällt mir auf. "Wollen wir es zusammen probieren?" frage ich. Sie probiert ihre Stimme, hat damit aber Schwierigkeiten. Ich bitte sie, die Tonleiter rückwärts zu spielen, jeden ton zweifach. Dazu blase lich auf der Flöte eine fröhliche Improvisation. Zum Abschluß klatschen die Nachbarn drüben von der anderen Straßenseite. Dann spiele ich die Tonleiter abwärts und sie versucht eine eigene Improvisation. Ich könnte sie fest drücken;d es klappt toll. Quelle plesier! Plötzlich sind wir alle begeistert. Das Mädchen, weil ich sie so lobe; die Mutter, weil ihre Tochter so gelobt wird und ich, weil sich die Mutter überglücklich bei mir bedankt. Plötzlich, nach nur zehn Minuten, fühle ich mich hier in diesem Kreis wie bei alten Freunden. Natascha verspricht, daß sie das zweistimmige Stück jeden Tag üben wird; damit wir es, wenn ich in die Stadt zurückkomme, zusammen spielen können.

Hoch hält sie ihre nachgebaute Stradivari, als sie mir nachwinkt und mich mit einem Lächeln verabschiedet, welches die Natur für ganz besonders liebe Freunde in jedem Menschen vorgesehen hat.

Die Gassenbuben

Grinsend kommen sie auf mich zu: Wawa und sein Freund, beide so um die zwölf Jahre. Ich stöhne innerlich auf. Sie sind nicht wirklich schlecht, aber sie nerven. "Gib mir dies, gib mir das", sprechen sie mich an, wenn sie mich sehen. Ich habe versucht, ihnen ihre Wünsche zu erfüllen, aber hinterher ging es weiter mit dem Habenwollen. Und wenn ich ihnen nichts gab, blieben sie mir besonders lange auf den Fersen kleben. Ja, jedesmal, wenn ich an ihrem Haus vorbeikomme, bedrängen sie mich auf ihre kleine, bescheidene Weise. Wie gesagt, nichts Schlimmes, nur sehr nervend. Auch andere müssen unter ihnen leiden, besonders die kleineren Kinder. Sie bekommen Stöße und Puffe ab. Manchmal fliegt sogar ein Stein. lIch weiß nicht, wie ich ihnen begegnen soll. Ich weiß, daß es eine hohe Kunst ist, die negativen Kräfte in etwas Positives aumzuwandeln; aber wie soll ich das mit diesen beiden bewerkstelligen?

Wawa hat heute etwas Neues: eine Steinschleuder, bekannt auch als Katapult oder Katschi. "Gib mir ein Stück Papier", fordert er! Ich lehne ab. "gibt mir einen Dollar", fordert er. Ich lehne ab. Stattdessen strecke ich mein Hand aus. "Zeig mir dein Katschi", bitte ich ihn. Er bekommt wieder Oberwasser. "Bezahl dafür" sagt er. Sein Freund scharwänzelt auf der anderen Seite herum und bedrängt mich dort ein wenig. Er zupft an meiner Kleidung. Ich zupfe zurück, aber dadurch wird sein Zupfen umso stärker. Und nach jedem Zupfen springt er kichernd zurück. Soll ich etwa hinterherlaufen?

So ausdauernd und penetrant wie diese beiden sind keine anderen Kinder. Am Anfang, als ich herkam, haben mich, natürlich, viele um etwas gebeten, zum Beispiel um einen Briefumschlag. Ich habe, so gut es ging, die kleinen Wünsche erfüllt. Der Erfolg: jetzt habe ich keine Briefumschläge mehr und muß sie mir in der Boutique für teures Geld kaufen. Also gebe ich gar nichts mehr! Natürlich gibt es Ausnahmen; aber das betrifft nur meine Freunde und die Menschen hier in meiner Gastfamilie, denen ich ab und zu einen kleinen Wunsch, meist nach Geld, erfülle.

Ich will nicht für das Katschie bezahlen und wende mich ab. Er kommt hinter mir her und hält mir das Katschi hin. ein Friedensangebot? Ich nehme es. "Gib mir dafür ein Blatt weißes Papier", sagt er. Ich gebe ihm das Katschi zurück. Wieder hält er es mir hin. Ich nehme es wieder und deute an, daß ich mit einem Stein schießen werde. "Mach mir eine Schwalbe", sagt er. Er nervt! Ich gebe ihm das Katschi zurück und gehe. Er schießt mit einem Stein auf mich und trifft meinen Rücken. Ich drehe mich um. Beide Kinder grinsen. Es scheint ihnen riesengroßen Spaß zu machen. "Für jeden Stein bits was zurück!" sage ich. Beide lachen! Ich gehe weiter und werde wieder von einem Stein getroffen. Nach dem dritten Stein drehe ich mich nochmals u. Wieder kichern beide und hören nicht auf meine Drohung. Der vierte Stein trifft mich. Dann der fünfte Stein. Aus den Augenwinkeln sehe ich Wawa neben mir einen neuen Stein für seine Schleuder suchen. Er ist mir dicht auf die Fersen gerückt. Hat er deshalb so gut treffen können? Und noch etwas sehe ich. Einen schönen, handlich großen Stein. Den hebe ich vom Boden auf und werfe ihn mit voller Kraft auf das Hinterteil von Wawa. Er schreit auf, überrascht und erschrocken. Kein Grinsen mehr. Humpelnd entfernt er sich.

Ich gehe weiter. Später treffe ich ihn wieder vor unserem Haus. Er humpelt immer noch. Er kommt nicht auf mich zu, sondern flieht vor mir. Ich mache eine freundschaftliche Geste. "Komm her", sage ich zu ihm, "ich gebe ein Eis aus!" Er nimmt das Geld. Seine alte Frechheit kommt zurück, er fordert mehr! Aber nicht mehr so nachdrücklich wie früher. Dann nimmt er das Geld. Er setzt sichs brav zu den anderen und ist auf einmal ganz lieb.

Sein Freund, den ich später treffe, will ebenfalls vor mir weglaufen. Auch ihm biete ich eine freundschaftliche Geste an. Er erzählt allen, mit welch großem Stein ich auf Wawa geworfen habe. Viele nicken dazu und sagen, das wurde auch mal Zeit.

Mal sehen, wie wir in Zukunft miteinander umgehen...

Der Einkaufsbummel

Wunderschön sieht sie aus in ihrem hellen Kostüm. Kunstvoll hat sie sich dazu ihre Lippen dunkelrot angemalt und ihre Haare mit dekorativen Schleifen verziert. Ich gehe neben ihr mit einer einfachen blauen Hose und barbuß. Gerne hätte sie es gesehen, wenn auch ich mich kunstvoll zurechtgemacht hätte; doch ich bleibe meinem Penner-Image treu.

Wir gehen die Straße hinunter. Ein Autowrack, vollkommen ausgeschlachtet, steht am Straßenrand. Apfelsinenschalen liegen im Rinnstein. Die Menschen hier haben es sich angewöhnt, ihre Rest auf die Erde zu schmeißen und später auf einen Haufen zu fegen. Irgendwann, wenn die Sonne es genügend getrocknet hat, zündet jemand diesen Haufen an und alles verbrennt.

Es wird dunkel. Die ersten Straßenhändler zünden ihre Holzkohle und machen ihr Öl heiß.

Im ersten Supermarkt gibt es nicht alles, was Micheline haben möchte. Trotzdem kaufe ich dort ein: Mehl, ein Kilo einen Dollar, Hefe im Dreierpack ein Dollar, Olivenöl zwei Dollar, kleine Gewürze zwei Dollar. Draußen vor dem Laden sitzen Straßenhändler. Sie bieten Ost an. Ich möchte fünf Orangen kaufen. "Ein Dollar", wird uns geantwortet. Micheline ist sauer und zieht mich weg. Sie schimpft über ihre Landsleute, die ihre Preise erhöhen, nur weil ich als Weißer mit ihr gehe. Hätte sie sechs Orangen für einen Dollar bekommen?

Wir gehen zum nächsten Supermarkt. Die Straßen sind voll, die Bürgersteige schmal. Immer wieder parkt ein Auto auf dem Bürgersteig oder Händler haben sich ausgebreitet; dann müssen wir auf die Straße ausweichen. Im nächsten Supermarkt sind die Regale voll mit Waren. Der Besitzer, ein Weißer, sitzt vorn am Ausgang auf einem erhöhten Platz und schaut sich den Laden und seine Angestellten von dort an. Eine andere Weiße, seine Frau?, hilft beim Einpacken der Waren mit. Hinter jeder Kasse steht ein Angestellter und hilft beim Einpacken der Ware. Welch toller Service! Draußen gehe ich wieder zu den Straßenhändlern. Micheline fragt und bekommt wieder ihre "ein Dollar" Antwort. Ich hocke mich vor lden Stand und nehme fünf Orangen in die Hand. "Zwei Gourde?" Kopfschütteln. Wieder nehme ich fünf Orangen. Wieder: "Zwei Gourden". Wieder nehme ich vier Organgen ... Micheline zieht mich weg. Sie ist sauer auf ihre haitianischen Landsleute, die doppelte Preis verlangen, sobald sie einen Weißen sehen. Auf die Leute im Supermarkt, die vierfache Preise verlangen, ist sie nicht sauer.