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Erschienen am 19.5.1990
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Einen wie Hartmut Goetze, sanft, sensibel und mit einem ausgeprägten Gespür für die Poesie, den zieht es irgendwann unweigerlich dorthin, wo unter südlicher Sonne das Leben einfacher, heiterer und unbeschwerter zu sein scheint. Das Ziel der Sehnsüchte und Träume des Uelzeners war Haiti, die „Perle der Antillen". Der 45jährige verlebte dort den vergangenen Winter, war zu Gast in den Häusern der Einheimischen - und lernte die Haitianer, ihren Alltag und ihre Gebräuche hautnah kennen. Sein Bericht, den Sie heute und, als Fortsetzung, am Montag lesen, ist daher auch eine ganz persönliche Schilderung, bei der die Menschen im Vordergrund stehen. Mit den problematischen politischen Verhältnissen der Karibik-Insel, der materiellen Armut ihrer Bewohner und mancherlei anderen Defiziten setzt sich Hartmut Goetze ganz bewusst nur am Rande auseinander.
Hartmut Goetze lernte die Menschen von Haiti kennen und lieben Ein Komödiant auf den Spuren Graham Greenes
Ich stehe am Flughafen. Meine Gedanken fliegen einen Augenblick mit, wenn wieder ein Reisender ins Abfluggebäude geht. Ich warte auf Stefan, der sich in die lange Reihe der Wartenden eingereiht hat. Zusammen mit dem Hamburger Professor, der an der Universität von Port-au-Prince ein Jahr gelehrt hat, mit dem Kurier der deutschen Botschaft, der jeden Montag heimische Briefe ins deutsche Konsulat bringt, dem deutschen Familienvater, der mit seiner haitianischen Frau und den drei Kindern hier Urlaub machte hat und hundert anderen fliegt er zurück nach Deutschland. Ich habe für Stefan den Fremdenführer gespielt, habe ihm Land und Leute und Außergewöhnliches gezeigt. Er verabschiedet sich von mir und geht hinein ins Abfluggebäude. Ich gehe hinaus in die Dunkelheit. Langsam und fühlbar wird mein Schritt leichter. Niemand ist mehr da, auf den ich ein wachsames Auge haben muss!
Ein Tap-Tap hält. „Grand Rue?" frage ich. Der Fahrer nickt. Ich setze mich nach vorn zu ihm. Immer wenn eine Person am Straßenrand winkt, hält er an. Bald drängeln sich hinten auf seinem selbstgezimmerten Holzaufbau 20 Menschen. Ein dritter Mann setzt sich nach vorn zu uns.
„Ich komme aus Las Cahobas", entgegne ich auf seine Frage. Er kennt das kleine Nest hoch oben in den Bergen, er hat Verwandte dort. Und er kennt Madame Souvenir, bei der ich in Kost und Logis bin. Welch eine Freude. Hinter dem Eisenmarkt, dem Marché de Fer, in jedem Reiseführer als unbedingtes „Muss“ erwähnt, steige ich aus. Und dabei ist dieser orientalisch aussehende Basar nur durch einen Irrtum hier. Er war für Indien bestimmt, doch ein schusseliger Schiffsoftizier hat die Eisenteile mit denen einer Brücke verwechselt. Dann, weil die Kosten für den Rück- oder Weitertransport zu hoch gewesen wären, wurde dieser Basar hier statt in Indien aufgebaut.
Kleinbus Tap-Tap Die Straßen sind voller Menschen. Händler bauen ihre Stände, die sie einfach auf die Bürgersteige gestellt haben, langsam ab. Viele warten auf ein Tap-Tap, einen Kleinbus mit Holzaufbau, um nach Hause zu kommen. Leicht und beschwingt gehe ich durch die Wartenden. Niemand spricht mich an, niemand bedrängt mich. Und plötzlich fühle ich mich als einer von ihnen, als Einheimischer. Hier kenne ich vieles, das Land, die Sitten, die Gebräuche, weiß, wie die Menschen denken, fühlen, handeln. Ich verstehe Michelline, die nur todschick gekleidet ihr Haus verlässt und verstehe Janna, die Holzkohlenverkäuferin, die, von oben bis unten mit Holzkohlenstaub beschmiert, stolz und voller Selbstbewusstsein jeden Morgen auf ihrem Weg zum Markt an meinem Zimmer vorübergeht. Mein Schritt wird immer leichter, federnder. Diese Menschen sind meine Nachbarn, Freunde, Bekannte. Es ist der Weg, den Graham Greene in seinem Roman „Die Stunde der Komödianten“ so exakt beschrieben hat: die „Rue Miracle“ hinauf, dann die „Avenue John Brown“ Richtung Petion-Ville. Und auch die Menschen haben die sich nicht geändert: Bürgersteige werden immer noch von freien Händlern zugebaut, die jetzt in der Dunkelheit ihre vielen kleinen Holzkohlenfeuer anzünden und Gebratenes anbieten: Kartoffeln, Bananen, Fisch, Huhn, Fleisch. Und immer noch ist alles lächerlich billig, ein bis zwei Groschen. Ich nehme einen Eisbecher mit Wassereis für zehn Pfennige. Hmmm, schmeckt das ... Die Kleinbusse, die hier als Sammeltaxis fungieren, reagieren nicht auf mein Winken. Sie sind knüppeldickevoll. Einen halben Dollar kostet die Fahrt mit einem solchen Gefährt, unabhängig von der Entfernung. Ein Festpreis, den jeder Fahrer nimmt - ohne zu handeln, ohne zu feilschen. Natürlich, im Marche de Fer, der Touristenfalle, werden viel mit allzu hohen Preisen konfrontiert. Aber hier, auf der Straße, werde ich von allen korrekt behandelt. Und wenn wirklich mal ein Händler mehr verlangt, was macht das schon? Dann bezahl ich eben für eine Mango oder Orange statt zwei Pfennige den doppelten Preis.
Geige und Flöte Ruhig gehe ich die Avenue John Brown hoch. Aus einer Wohnung erklingen Geigentöne. Ich habe dieses Instrument selbst in jungen Jahren erlernen dürfen. Wer sich wohl hier hinter den Tönen verbirgt? Ich bin neugierig und klopfe an die Haustür. Eine Seitentür öffnet sich.“Was wollet Ihr?" Ach ja, hier werden Fremde in der zweiten Person Plural angesprochen. „Ich suche die Person, die Geige spielt", sage ich. „Das geht nicht", erwidert das Mädchen auf französisch, „sie übt gerade". Aber genau das ist es, was ich möchte: ihr beim Üben zuschauen, inmitten der heimischen Umgebung. Das Mädchen lässt mich warten, berät sich mit einer Frau. Dann werde ich hereingebeten. Welch eine Überraschung. Inmitten all der negroiden Schönheiten hier auf Haiti fällt sie weit aus dem Rahmen: ein ovales, zartgeschnittenes Gesicht voller Anmut und Schönheit. Es bedurfte 200 Jahre Mischehen zwischen Europäern und Haitianern, um diesen Liebreiz zustande zu bringen. Ich blättere die Noten durch. Ein zweistimmiges Stück fällt mir auf. „Wollen wir es zusammen probieren?" frage ich. Ich habe eine Blockflöte dabei und begleite sie. Sie spielt noch etwas unsicher. Aber das nächste Stück spielt sie flüssig und fehlerfrei, ihre Geige beginnt langsam zu klingen und meine Flöte passt sich harmonisch an. Ich könnte sie drücken, so verbunden fühle ich mich plötzlich mit ihr.
(Fortsetzung weiter unten)
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Fünf Stunden dauert der Marsch bis zum Bergdorf Eine Tagestour zum Markt bringt 1 Dollar Stockdunkle Nacht. Kein Wecker läutet, aber sie steht zielbewusst auf. Sie weiß, es ist jetzt an der Zeit. Vorsichtig steigt sie über zwei ihrer Kinder hinweg, die zusammen mit ihr dieses Bett benutzen. Die anderen drei anderen Kinder schlafen nebenan auf dem zweiten Bett. Mit einem Streichholz zündet sie eine selbstgemachte Petroleumlampe an. Dann schlüpft sie in ihre Kleidungsstücke: ein leichtes Kleid, eine Strickjacke aus grober Schafswolle und Plastiksandalen. Draußen stellt sie die Lampe auf die Bank vor dem Haus und geht in die Dunkelheit hinein. An einem Baum ist das Maultier angebunden. Sie löst den Strick und zieht das Tier hinter sich her. Willig folgt es. Nur als sie ihm die Decke auflegt, scheut es. Kein Wunder: Das Fell am Rücken ist weggescheuert, rotes Fleisch ist zu sehen. Sie legt ihm ein Gestell aus Holz auf den Rücken. Mit einem Strick bindet sie es fest. Über das Holzgestell wuchtet die Frau zwei große Basttaschen. Sie sind prall gefüllt mit Tabakblättern. Dann setzt sie sich auf das kleine Maultier, nimmt einen Reisig in die eine, den Strick in die andere Hand und zuckelt los. Sie gibt nur einmal die Richtung an. Dann weiß das Maultier, welchen Weg es nehmen muss. Jeden Montag, seit zehn Jahren, geht es zu diesem Markt. Nach drei Stunden erreichen sie den Fluss. Endlich kommt der Fährmann. Die Händlerin wuchtet die Basttaschen und sich selbst auf das Boot, den Führstrick behält sie in der Hand. Der Kahn legt ab, das Maultier schwimmt mit ruhigen Bewegungen hinterher. Am anderen Ufer belädt sie ihr Tier, sitzt auf und weiter geht's. Der Weg wird steiler. Es geht hinauf in die Berge. Unten am Fluss wachsen Bäume und Sträucher, doch hier wird die Vegetation weniger. Die Frau schließt die Augen und döst vor sich hin. Nach fünf Stunden hat sie den Marktplatz der kleinen Stadt erreicht. Dieser Ort ist auf keiner Karte verzeichnet, keine Straße führt dorthin. Dennoch ist er jeden Montag Treffpunkt vieler, vieler Menschen. Sie kommen, um einzukaufen, Gespräche zu führen und Neuigkeiten auszutauschen. Die Frau nimmt ihren angestammten Platz auf dem Markt ein. Am Ende des Tages hat sie acht Gourden, etwa eineinhalb Dollar, eingenommen. En Drittel davon gibt sie für den Kauf von Tabakblättern aus, eine Gourde erhält der Fährmann für die Rückfahrt. Spät in der Nacht kommt sie nach Hause. Die älteste Tochter hat für ihre Mutter einen Teller mit Essen bereitgestellt. Ruhig isst die Frau den Reis und das Gemüse. Dann legt sie sich zwischen ihre Kinder. Bunte Fetzen schießen durch ihren Kopf, Gedankensplitter. Sie lächelt, als sie sich an das Gespräch mit einer ihrer Schwestern heute erinnert und wie sie ihr ein Geldstück zugesteckt hat. Draußen zirpen die Zikaden. Ein Hund bellt. Ein anderer antwortet. Dann ist wieder Ruhe. Auch die Frau ist jetzt ganz ruhig. Sie weiss, gleich wird sie einschlafen. Und in der Vorfreude darauf verzieht sich ihr Mund zu einem kleinen Lächeln.
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Fortsetzung erschienen am 21.5.1990
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MONTAG, 21. MAI 1990 - NR. 117 - 141. JAHRGANG
Haiti: Ein Komödiant auf den Spuren des Schriftstellers Graham Greene (2) Für 50 Dollar eine Illusion gekauft - und doch zufrieden Von der anderen Straßenseite klingt Beifall herüber. Plötzlich sind wir alle begeistert: das Mädchen, weil ich sie so lobe, die Mutter, weil ihre Tochter gelobt wird und ich, weil sich die Mutter überglücklich bei mir bedankt. Plötzlich, nach nur 20 Minuten, fühle ich mich hier in diesem Kreis wie unter alten Freunden. Hoch hält Natascha ihre nachgebaute Stradivari, als sie mir zum Abschied nachwinkt; und strahlt mich dabei mit einem Lächeln an, welches die Natur für ganz besonders liebe Freunde in jedem Menschen vorgesehen hat. Hier in Port-Au-Prince, der Hauptstadt von Haiti, wohne ich bei Madame Simon, die eines ihrer Zimmer an Reisende vermietet. Fünf Dollar kostet mich die Übernachtung, zwei Dollar ein reichhaltiges Mittagessen. Haiti gilt als das ärmste Land der westlichen Welt. Der durchschnittliche Monatsverdienst beträgt 150 Dollar. Aber was sagt das schon aus? Obst und Gemüse kosten Pfennige, ein Essen in einem einheimischen Restaurant zwei Dollar und die Übernachtung in der fernen Kleinstadt, in der ich mich hauptsächlich aufhalte, 30 Dollar im Monat. Selbst ich, der luxusverwöhnte Deutsche, komme mit 100 Dollar im Monat für Unterkunft und Verpflegung aus.
Visum abgelaufen Mit meinem Visum darf ich 90 Tage bleiben. Ich möchte aber einen längeren Aufenthalt und gehe deshalb brav, und rechtzeitig vor Ablauf meines Visum, zur Emigrationsbehörde. Im Vorraum dieses Amtes sitzen sechs Personen mit Schreibmaschine. Selbstständige Profis, die jeden Antrag sofort gegen geringes Entgelt ausfüllen. Ach, hätten wir doch solche Leute auch bei uns in Deutschland vor jeder Behörde... Ich als Weißer darf sofort eintreten. Ein Mitarbeiter des Amtes bringt mich in das richtige Zimmer. Dort bittet mich der Sachbearbeiter um das Ausfüllen eines Antrages. Zeile für Zeile berät er mich, was ich eintragen soll. Für den Antrag brauche ich noch ein Passfoto. Der Angestellte nimmt mich an die Hand und führt mich zu einem Fotografen, draußen, neben dem Büro. Er sagt, ich könne ihm gern die 50 Dollar für die Bearbeitung des Antrages geben. Er würde alles zu meiner Zufriedenheit regeln. Ich gebe ihm das Geld. „Bis halb Zwei", sagt er, „ist alles geregelt". Welch wunderbarer Service. Zehn Minuten hat mich dieser Behördengang gekostet. Ob wir unsere deutschen Beamten mal zu den haitianischen in die Lehre schicken?
Billige Illusion Um ein Uhr bin ich wieder da. Freundlich gibt mir der Beamte' meinen Pass und eine Bestätigung, dass ich weitere 90 Tage im Lande bleiben darf. Später erfahre ich, dass ich ein solches Stück Papier gar nicht brauche. Niemand schaut es sich an, niemand will es sehen. Und es kostet auch nicht 50 Dollar, sondern nur 15 Dollar. Der Rest ist in der Tasche des freundlichen Beamten gelandet. Dabei erfahre ich auch, dass der „freundliche Beamte“ kein Beamter war, sondern der Bruder oder Schwager eines dort arbeitenden Beamten. Doch so habe ich für 50 Dollar die Illusion von Sicherheit und einen höchst aufmerksamen Diener bekommen, der alles zu meiner Zufriedenheit regelte. Und das ist doch billig, oder? Haiti habe ich durch meine Schwester kennen- und liebengelernt. Sie hat vor elf Jahren ein Kind adoptieren wollen und erfahren, dass das in Haiti am einfachsten geht. Jetzt ist ihre adoptierte Tochter elf Jahre; und damit sie den Kontakt zu ihrem Geburtsland nicht verliert, fahren beide jeden Winter für vier bis fünf Monate nach Haiti. Flug und Aufenthalt kosten weniger als Heizung und Aufenthaltskosten in Frankreich, wo sie ansonsten leben. Vom Emigrationsbüro aus gehe ich direkt zur Abfahrtsstelle der Busse nach Las Cahobas. Es steht kein Fahrzeug dort, deshalb besuche ich in ein kleines Restaurant. Einen Dollar kostet das Reisgericht mit Gemüse. Als ich das Essenlokal verlasse, steht ein großer Lkw abfahrbereit. Mehr als 40 Personen, Marktfrauen mit Obst und Gemüse, Händler mit Waren aller Art und Handwerker mit Zementsäcken, Ölfässern und Eisendraht haben es sich auf der Ladefläche bequem gemacht. Ich finde noch eine kleine Ecke, in die ich mich quetschen kann.
Vier Stunden dauert die Fahrt. Es geht durch die Hauptstadt und hinauf in die Berge. Die Straßen sind nur teilweise ausgebaut. Lange Strecken sind staubig und voller Schlaglöcher. In der Umgebung von Port-Au-Prince sind viele Berge kahlgeholzt, aber je weiter wir nach Norden fahren, desto üppiger wird die Vegetation. Das Klima ist wachstumsfördernd. Wasser gibt es in Hülle und Fülle. l
Obwohl Haiti sehr arm sein soll, habe ich keinen Hungernden, kein ausgemergeltes Gesicht, mit dem gemeinnützige Organisationen so gern um Spenden bitten, gesehen. Zwei alte Männer, die mich dezent um eine Spende baten, zogen sich sofort zurück, als ich mit dem Kopf schüttelte. Doch es gibt viele Beispiele dafür, dass deutsche Organisationen hier tätig waren: Hausruinen, ehemalige Krankenhäuser, im Straßengraben liegende Lkws und sonstige Maschinen deutscher Herkunft, die langsam in der Sonne verrotten.
Auch sonst geben wir Europäer uns alle Mühe, dieses liebenswerte Haiti kaputtzumachen: unsere Altkleider, zum Beispiel, sorgen dafür, dass Frauen ihren Kindern das Schneidern nicht mehr beibringen; weil die gespendeten Kleider billiger als selbstgenähte sind. Schneidermeister verlieren ihre Arbeit und Bauern können ihre Baumwolle nicht mehr verkaufen; es wird nicht mehr so viel gewebt und gesponnen, seltener gestrickt und gehäkelt. Gespendete Erbsen, Mais oder Getreide bringen diel ländlichen Strukturen durcheinander, wenige betreiben noch Vorratswirtschaft ...
Einsame Landschaft
Je weiter wir uns von der Hauptstadt entfernen, desto einsamer wird die Landschaft. Die Straßen bekommen immer tiefere Schlaglöcher. Oft muss der Lkw im ersten Gang durch Schlammbäche oder Flüsse kriechen. Doch die Fahrer, die ihre Lkws meist in vier Jahren zu Schrott fahren, kennen ihr Fahrzeug und den Weg genau. Tag für Tag fahren sie mit ihren Lastwagen, im Volksmund wegen der Auspuffgeräusche „Tap-Tap" genannt, von Las Cahobas in die Hauptstadt. Waren, billig auf dem Land produziert, Obst und Gemüse, werden mit Profit in Port-Au-Prince verkauft, Zement und Baumaterialien in die entgegengesetzte Richtung gebracht. Markt und Handel ernähren viele Familien, es gibt Lehrer, Handwerker und Händler. Fischer gibt es, die mit vier, fünf gefangenen Fischen ihre ganze Familie unterhalten, Holzsammler, die durch angeschwemmte Bäume und dem Verkauf von Brennholz oder Holzkohle ihre Familien Tag für Tag ernähren können. Jubelnd kommt mir Rodney in Las Cahobas entgegengelaufen. Seine kleinen Beine routieren dabei fast wie Windmühlenflügel, so dass ich schon Angst habe, er stolpert gleich. Aber er beruhigte mich einmal: „Je suis un courier", sagte er, ich bin ein Läufer. Mit einem kurzen Blick schaut er auf den Weg, doch sein Hauptaugenmerk gilt mir. Eine Woche war ich weg, um Stefan in die Hauptstadt und zum Flugplatz zu bringen. Und jetzt stehe ich hier und erwarte seinen Ansturm. Hui, wie sich seine Beine bewegen. Da, vorsichtig, eine Rinne im Weg. Sie entstand, als ein Fahrer oben auf dem Berg sein Tap-Tap abstellte, um die Innenraumbeleuchtung hinten auf der Ladefläche zu reparieren. Urplötzlich setzte sich das Tap-Tap in Bewegung und raste führerlos den Berg hinunter, den Fahrer und Gäste im hinteren Teil. Gottseidank passierte nichts. Das Auto raste unten in eine riesengroße Wasserpfütze und in den dahinterliegenden Garten. Aber welch eine Aufregung... Aber Rodney kennt natürlich den Weg besser als ich, hüpft über die Rinne und setzt die letzten Meter an. Jetzt schaut er nicht mehr auf den Boden. Ich bin sein Ziel; und mich hat er fest im Visier. Er ruft meinen Namen, keuchend, atemlos. Um sich anzufeuern oder um überflüssige Energie loszuwerden? Ich bin bereit. Fest stehe ich auf dem Boden, um diesen Dreikäsehoch aufzufangen. Oben vom Berg schaut seine Schwester zu, Oscar. Kinder können den Namen ihrer Mutter, ihres Vaters oder den der Großeltern annehmen. Oscar hat sich etwas besonderes ausgedacht: als Nachnamen nahm sie den Geburtsnamen ihrer Mutter und als Vornamen den ihres Vaters.
Alle weinen
Ich breite meine Arme aus, um 'den Sechsjährigen aufzufangen. Er hat wie ein Schlosshund geheult, als uns Stefan verlassen musste. Er wäre gern mit ihm gefahren, aber darauf war Stefan nicht eingerichtet. Auch seine Mutter und die übrigen Geschwister haben feuchte Augen bekommen. Plötzlich weinten alle. Sie hatten Stefan und mich wie einen Familienangehörigen, wie einen guten Freund aufgenommen, Haus, Bett, Essen mit uns geteilt. Beim Abschiedsfest hat Rodney immer wieder die Schüssel mit dem selbstgebackenen Kuchen herumgereicht, obwohl er ihn viel lieber allein aufgegessen hätte. Bis ich einschritt und ihm die Schüssel wegnahm und im Haus sicherstellte. Wir hatten viel vorbereitet, aber mit mehr als 50 Personen hatten wir nicht gerechnet. Später gingen Oscar und eine Freundin ins Haus und aßen den ganzen Kuchen alleine auf. Doch davon habe ich nichts mitbekommen. Ich saß draußen in der warmen Abendluft und spielte Gitarre. Rodney, der kleine Lausbub, machte dazu seine tänzerischen Bewegungen und war sofort Mittelpunkt der ganzen Gesellschaft. Wie in Trance bewegt er sich bei seinen Tänzen und hielt dabei Arme so, als ob er Chuck Berry auf seiner Gitarre begleiten muss.
Las Cahobas ist schön
Und aufmüpfig ist er auch geworden. Hat er sich früher zu jeder Melodie sofort und spontan bewegt, so stellte er an dem Abend seine Forderung: „Bitte jetzt: Las Cahobas li belle". Na, ja, diesen Wunsch erfüllte ich ihm gerne. Das Lied habe ich selbst komponiert; und es wird von allen lautstark mitgesungen. Denn ihr Ort, Las Cahobas, ist wirklich schön. Laut und schwingend schallte der Gesang durch die Nacht, in der die Rufe der Mütter, die Kinder sollten, bitteschön, doch langsam nach Hause kommen, untergingen - und in anderen die Sehnsucht weckte, dabei zu sein.
Lachend reißt er mich aus meinen Gedanken. Er springt auf mich zu und lässt sich einfach fallen; voller Vertrauen, dass ich ihn auffange. Und das tue ich. Mit beiden Händen packe ich ihn unter seinen Armen und reiße ihn hoch. „Schön, dass du wieder da bist", sagt der kleine Wicht mit strahlendem Gesicht, „ich hatte große Sehnsucht nach dir".
„Endlich wieder zu Hause", denke ich und werfe dabei einen Blick über die vielen kleinen Häuser von Las Cahobas. Knapp vier Monate bleibe ich hier in diesem Jahr. Aber ich werde wiederkommen. Denn Haiti hat neben seinen liebenswerten Menschen, der Sonne und dein milden Klima einen besonderen Zauber. Der Kanadier, den ich unten am Meer bei Carre Four traf, hat dies am eigenen Leih erfahren. Er war nach Haiti gekommen, um hier seinem Leben ein Ende zu setzen! Seinen Leuten in Kanada wollte er die Schande eines Selbstmordes im eigenen Land ersparen. Doch die Insel, die schon zu Napoleons Zeiten „Perle der Antillen“ genannt wurde, hat etwas, was einen Selbstmord nicht zuläßt:: ein Flair, einen Rhythmus, eine Lebensfreude.
Alle Revolutionen hier, angefangen mit der gegen die französischen Kolonialherren zu Napoleons Zeiten. die zur Gründung der ersten Negerrepublik und zur zweiten überhaupt, nach Amerika, führte, wurden spielerisch und voller Leichtigkeit, aber mit großer Solidarität untereinander, bewerkstelligt. Und auch die Befreiung von dem ungeliebten General Avril, von dem wir gerade in der Zeitung lasen, ist beispielhaft. Es fiel kein Schuss. Aber Nacht für Nacht gingen die Leute tanzend und singend durch die Straßen, gleich im Anschluss an den Carneval, und sangen des Präsidenten-Abschiedslied.
Der Kanadier lebt jetzt seit sieben Jahren hier. „Die Insel hat mir ein neues Leben geschenkt", gestand er mir. Er will hier für immer bleiben, seinen Lebensabend verbringen, zusammen mit der Frau, die er gefunden hat. Haiti gibt jedem Menschen Lebensfreude", sagte er einfach, „es ist ein vergessenes Paradies". Ich hoffe, dass dies noch lange so bleiben wird.
ENDE
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Erschienen am 13.4.1991
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13./ 14. April 1991 - N r. 86
Dass Reisen bildet, kaum einer weiß es besser als Hartmut Goetze, der jüngst auf Haiti miterlebte, wie dort - nach jahrzehntelanger Unterdrückung - die Demokratie einen überwältigen Triumph über die Tyrannei feierte. Hatte Goetze im vergangenen Jahr, als er erstmals für die Leser der AZ über das Karibik-Inselreich berichtete, die politischen Verhältnisse noch weitgehend ausgespart, so hat er sich diesmal ganz qezielt den dramatischen Polit-Umwälzungen zugewandt. Lesen Sie, was der reiselustige Uelzener, vielen besser bekannt unter seinem Künstlernamen „Clown Hago", an bewegenden Eindrücken während seines neuerlichen mehrmonatigen Haiti-Aufenthalts gesammelt hat.
Hartmut Goetze war auf Haiti dabei: Als das Volk den Putschisten mutig die Stirn bot
In dieser Nacht kann niemand schlafen. Die Trommeln dröhnen bis in den frühen Morgen. Kraftvolle Stimmen singen jubelnd und die Menschen auf dem Marktplatz wiegen sich im gemeinsamen Rhythmus. Flackernde Feuer erhellen für Sekundenbruchteile die Gesichter, die Freude und Erleichterung zeigen. Es ist der 17. Dezember 1990, einen Tag nach der ersten freien Wahl seit 1964 in Haiti. Jean-Bertrand Aristide wurde mit großer Mehrheit zum neuen Präsidenten gewählt! Die Armee macht betretene Gesichter und die katholische Kirche, die dem Priester Aristide ausdrücklich verboten hatte, bei dieser Wahl zu kandidieren, spaltet sich in zwei Lager... Tische und Stühle werden auf die Strasse gestellt, die Häuser geschmückt und der Tag zum Nationalfeiertag umfunktioniert. Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen, Tränen in den Augen und beglückwünschen sich gegenseitig zu diesem Wahlergebnis. Als ich in der Hauptstadt Port-au-Prince ankomme, spüre ich die Veränderung. Am Flughafen begrüßt uns eine Musikkapelle mit einheimischer Folklore. Aristide, so erfahre ich später, hat erklärt, dass jetzt Schluss sein müsse mit Schlampereien und Unkorrektheiten. Jeder einzelne solle dazu seinen persönlichen Beitrag leisten.
Ich gehe mit Micheline, über die ich bereits im letzten Jahr berichtete, über den Champ de Mars. Diese große Parkanlage, die den Präsidentenpalast, Bronzefiguren bekannter Freiheitskämpfer und eine der schönsten Kathedralen Haitis beherbergt, ist heute das Zentrum der Hauptstadt. Buden und Restaurants sind bunt geschmückt, Lampions und offene Feuer sorgen für eine Atmosphäre, die jeden Besucher magisch anzieht.
Wir schlendern durch dieses bunte Marktgewimmel. Es ist Neujahr und lange nach Mitternacht. Doch hier denkt niemand ans Nachhausegehen. Es ist angenehm warm, aus den Restaurants dröhnen karibische Klänge. Kurz verweilen wir bei Philippe und seiner schwarzen Freundin sowie den Zwillingsschwestern Dori und Dora, deren Eltern köstliche Kleinigkeiten verkaufen. Wir schlecken süßes Eis, trinken exotische Fruchtsäfte, kühles Bier und süße Liköre. In kleinen Portionen reichen uns Straßenhändler Patate-frite, gebackene Süßkartoffeln, Anpanja, Maniokmehl, das wie frischgebackenes Schwarzbrot schmeckt und Marinade-frite, gebackene Gemüsestücke. Kinder purzeln und tollen zwischen uns herum und Autofahrer winken sich lachend zu.
Doch ein altes Sprichwort sagt: „Je größer die Begeisterung, desto tiefer der Fall!"
Wie eine Bombe schlägt die Nachricht am 5.Januar ein, dass Roger Lafontant, ehemaliger Innenminister und Chef der berüchtigten Geheimpolizei Tonton Macoute, den Regierungspalast mit seinen Anhängern besetzt und sich selbst zum neuen Präsidenten erklärt hat. Aristide, so sagt er, sei nicht tragbar. Das haitianische Volk müsse vor ihm geschützt werden.
Die Menschen auf den Straßen sind fassungslos. Jahr um Jahr hatten sie durch ihre Proteste immer wieder dafür gesorgt, dass die Armee neue, provisorische Präsidenten einsetzen musste, die zwar freie Wahlen versprachen, den Termin dafür jedoch immer wieder hinausschoben. Erst Madame Herta Pascal, die den ungeliebten General Avril im Februar 1990 ablöste, hielt ihr Versprechen. Jetzt sieht es so aus, als ob der Kreislauf ewig neuer Präsidenten weiter fortgesetzt werden würde...
Doch die Masse der Haitianer hat endgültig genug. Sie will ihren gewählten Präsidenten! Zwei Stunden dauert die Sprachlosigkeit, dann ziehen die ersten hundert Menschen zum Nationalpalast. Immer mehr folgen - und am Mittag gleicht die Innenstadt von Port-au-Prince einem riesigen Heerlager. Der Verkehr bricht zusammen und die Demonstration weitet sich immer mehr aus, bis schließlich alle Zufahrtswege in die Hauptstadt blockiert sind.
Zu diesem Zeitpunkt befinde ich mich in Las Cahobas, einem kleinen Provinznest, 120 km von Port-au-Prince entfernt, wo ich Paul und Ginny, einen amerikanischen Entwicklungshelfer und seine Frau, besuche. Gespannt verfolgen wir die Durchsagen im Radio und erfahren so die neuesten Einzelheiten.
Nachdem die Regierungstruppen vor dem Nationalpalast auch nach Stunden des Protestes den selbsternannten Präsidenten nicht herausgeben, verlieren immer mehr Menschen ihre Beherrschung. „Es sind die Amerikaner, die hinter diesem Putsch stecken", wird geargwöhnt und „es sind die Reichen".
Und irgendwann beginnen die immer wieder verschaukelten Ärmsten der Armen ihren Rachefeldzug gegen alles, was amerikanisch oder nach Reichtum aussieht: da werden Läden aufgebrochen und geplündert, Straßenkreuzer umgeworfen und mitten auf den Straßen angezündet. Und immer lauter schallt der Ruf nach „Aristide" durch die Stadt.
Irgendwann gibt sich die Armee geschlagen! Sie lässt verkünden, dass sie den selbsternannten Präsidenten in Haft genommen hat. Drei Tage lang dauern die anschließenden, notdürftigsten Aufräumarbeiten.
Wir, die wir auf dem Lande sind, sehen überall tiefbetroffene Gesichter. Schulen, Behörden und die meisten Geschäfte bleiben zwei lange Wochen lang nach diesen Unruhen geschlossen. Dann beginnt allmählich wieder ein normales Alltagsleben. Doch immer noch bangen die Menschen, ob sie auch tatsächlich „ihren" gewählten Präsidenten bekommen werden.
Dann, am 7. Februar 1991, wird der neue Präsident Aristide tatsächlich vereidigt. Wieder werden Tische und Stühle auf die Straße getragen - und wieder wird spontan gefeiert. Auf diesen Tag haben die Haitianer mehr als ein Vierteljahrhundert gewartet. Drei Tage dauert die Fete und, weil anschließend Karneval ist, wird gleich weitergefeiert.
Als dann nach den zwei Wochen langsam wieder Normalität einkehrt und ich in die Hauptstadt zurückfahren kann, wird dort weitergefeiert; diesmal mit Mitarbeitern der Deutschen Botschaft, mit in Haiti hängen gebliebenen Deutschen und Entwicklungshelfern. Wir alle sind froh, dass Haiti nach langen Jahren der Knechtschaft wieder zur Demokratie gefunden hat.
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Erschienen 1993
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Ausstellung mit Bildern aus dem krisengeschüttelten Haiti Uelzen. Vom 7. bis 9. Mai findet im Kreativen Speicher die zweite Haitianische Bilderausstellung statt. Hartmut Goetze aus Uelzen hat die Fotos direkt aus der Hauptstadt des krisengeschüttelten Haiti geholt. Hier sein Bericht dazu:
Leiber schaukeln im Takt der Schlaglöcher Unerbittlich dröhnend treiben mich die Turbinen näher und näher an mein Ziel. Ich habe lange gewartet, habe abgewogen, habe Pläne geschmiedet, sie wieder über den Haufen geworfen und mich schließlich doch auf die Reise gemacht. All zu viele Erinnerungen, Freunde und Erfahrungen verbinden mich mit Haiti, in dem jetzt ein unerbittlicher Bürgerkrieg toben soll. Aristide, erster gewählter Präsident nach 25 Jahren Diktatur, wurde im September 1991 vom Militär abgesetzt. Ein neue Premier-Minister, Louis Bazin, führt seitdem die Amtsgeschäfte provisorisch weiter; gegen den Willen des Volkes, welches sich immer wieder vor dem Präsidentenpalais in Port-Au-Prince einfindet, um wütend Protest hinauszubrüllen.
Zusammen mit den anderen drei Weißen in dem dünn besetzten Flugzeug wird meine nächste Station Port-Au-Prince sein. Ein Teil meiner Befürchtungen verschwindet, als ich die Maschine verlasse. Die warme karibische Luft beschwingt mich und !äßt meine Gedanken leicht wie eine Feder werden.
Doch schon bemerke ich den ersten Unterschied zu früher: es ist keine Musikkapelle zur Begrüßung angetreten. Und gleich darauf der nächste Unterschied: die Zöllner behandeln mich liebenswert und höflich, werfen nur einen oberflächlichen Blick auf das Gepäck - so als wären wir drei Weißen seltene Pflanzen, die zart und aufmerksam behandelt werden müssen. Und auch die Taxifahrer draußen vor dem Flughafengebäude sind zurückhaltender, als ich sie in Erinnerung habe.
Vor über einem Jahr hat die Armee beschlossen, den neu gewählten Präsidenten abzusetzen. Er hatte öffentlich verkündet, er wolle den Etat der Armee und die Gehälter der Soldaten um dreißig Prozent kürzen.
Doch die Anhänger Aristides reagierten spontan. Tag für Tag strömten sie zum Präsidentenpalais und schwangen wütende Reden. Wenn das Geschrei zu groß wurde, schossen ein paar Soldaten in die Luft. Manchmal schoss jemand aus der Menge zurück. Es gab Tote und Verletzte. Zehn, fünfzehn. Zu wenig, um die Reporter der Weltpresse anzulocken, zuviel, um all das Leid dei Mütter zu beschreiben. die ihre Kinder verloren.
Es hat sich doch etwas geändert. Das bemerkte ich, als ich am nächsten Tag zu meinem gewohnten Straßenmarkt gehe. Die Händlerin, bei der ich Jahr für Jahr meinen morgendlichen Kaffee getrunken habe, ist nicht mehr am gewohnten Platz. Auf meine Rückfragen erfahre ich den Grund: sie sitzt jetzt zwanzig Meter weiter direkt an der Hauptstraße, um auch Laufkundschaft mit ihrem köstlichen Kaffee bedienen zu können.
Die Parole lautet: „Alle nehmen ihr Gepäck und finden sich zur Kontrolle ein.“
Mühsam quält sich der Lastwagen die Serpentinen hinauf. Hinten auf der Ladefläche schaukeln mehr als fünfzig Leiber im Takt der Schlaglöcher. Es sind nur noch wenige Meter bis zum Gipfel, aber der Fahrer muss all sein Können aufbieten, um das Fahrzeug auf der steinigen Gebirgspiste zu halten. Zentimeter um Zentimeter rückt der Gipfel näher - und macht gleichzeitig den Blick frei auf eine Straßensperre der Armee.
Zwei Wochen vorher gab es einen Zwischenfall an dieser Station. Ein Amerikaner, welterfahren, seit Jahren im Entwicklungsdienst tätig, wurde kontrolliert. Man fand ausländische Zeitungen bei ihm. Die Antworten des Weißen befriedigten die Soldaten nicht. Sie suchten weiter und fanden einen Kassetten-Recorder und eine Kassette mit haitianischer Musik. Nicht irgendeine Musik, sondern die Musik von Ram, einer Gruppe, die die Haitianer zu mehr Eigenverantwortlichkeit auffordert. „Höchst verdächtig“, sagte der Soldat.
„Was wollt ihr“, erwiderte der Amerikaner herausfordernd, „die Musik dieser Gruppe ist nicht verboten!“ Doch Soldaten, überall auf der Welt, haben ihre eigene Auffassung von Recht und Gesetz. Sie brachten den Amerikaner in die nächste Garnisionsstadt.
Konzert zweier Clowns
Und so, wie in Deutschland ein Schwarzer als einziger aus einer Menge von Weißen herausgepickt wird, so werde ich als einziger Weißer aus einer Menge der Schwarzen herausgepickt und direkt zum Verhör in das Büro des Kommandanten geführt.
Hier Auszüge aus dem Verhör:
„Quelle Mission?“ – „Freunde besuchen.“
„Warum gehet er barfuss?“ – „Jesus ging auch barfuss.“
„Seid ihr Jesus?“ – „Nein, aber ich denke oft an ihn und versuche es ihm nachzutun.“
„Warum hat er eine Gitarre?“
Ich spiele vier Akkorde. „Ich suche haitianische Lieder“, erkläre ich, „aber von diesem Lied kenne ich nur die Begleitung, nicht die Melodie“. Ich spiele weiter diese vier Akkorde und plötzlich beginnt der gestrenge Kommandant das Lied mitzusingen, laut und voller Inbrunst. Und die fünfzehn Leute, die sich freiwillig mit einem kleinen Teil ihres Gepäcks draußen zur Kontrolle eingefunden haben, um den Anschein zu wahren und die vielen anderen. die oben auf dem Lastwagen geblieben sind, um den Soldaten nicht zuviel Arbeit zu bereiten, bekommen ein kostenloses Konzert zweier Clowns in einem verrückten Land zu hören.
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Bildermarkt in Port-au-Prince
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Erschienen 1995
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Demokrazi gesät – und wer erntet? Haiti - vier Jahre nach dem Machtwechsel
„Wir haben Demokrazi gesät", sagt Altpräsident Aristide in seiner Abschiedsrede. Sein Versuch, alte Begeisterung neu zu entfachen, misslingt. Der Beifall ist verhalten. Die Euphorie, die seine Wahl vor vier Jahren in Haiti begleitete, ist verschwunden.
Es ist der 7.Februar 1996, der Tag der feierlichen Amtsübergabe an den neuen Präsidenten; René Préval, der neben Aristide sitzt und diesen um Haupteslänge überragt. Ein Stier von einem Mann, vom Volksmund zärtlich „Ti René'', Kleiner René, genannt wird. Neben ihm der cubanische Altpräsident Fidel Castro als prominentester Besucher aus dem Ausland.
Aristide's Rede lobt die Hilfe der Amerikaner und die der UNO. Noch einmal führt er aus: „Wir haben Demokrazi gesät, bald werden wir ernten können". Höflicher Applaus begleitet seinen Abgang.
Nichts ist geblieben von der Begeisterung, die er vor vier Jahren, als erster frei gewählter Präsident nach Jahren der Militärdiktatur, hervorgerufen hatte. Er hat es nicht geschafft, etwas von seinen vielen Versprechungen in die Tat umzusetzen; obwohl die Amerikaner bereits seit einem Jahr im Land sind und immer und immer wieder Hilfe versprechen.
Aber er ist als ehemaliger Priester ein Mann des Wortes. Was Haiti jedoch braucht, das ist ein Mann der Tat. Und das soll der neue Präsident sein.
Und - es gibt auch Erfreuliches zu berichten:
Pünktlich zur neuen Regentschaft hat die Weltbank entschieden, Haiti ein halbe Milliarde US-Dollar zu zwei Prozent Zinsen auf die nächsten vierzig Jahre zu geben. Die Amerikaner und die UNO geben eine weitere halbe Milliarde Dollar Entwicklungshilfe.
Eine Milliarde US-Dollar, das hört sich gut und reichlich an. Werden die Amerikaner die Gunst der Stunde nutzen und ein Heer von haitianischen Arbeitern mit Spaten ausrüsten, um zum einen die Arbeitslosigkeit, und zum anderen die desolaten Straßenverhältnisse zu verbessern? Werden die Amerikaner den Haitianern die von Professor Bergmann in Flint City (Detroit) entwickelten Sonnenkollektoren (Stückpreis: 15 US Dollar) oder andere Systeme, mit denen man in wenigen Minuten Wasser mit Sonnenhilfe zum Kochen bringt, tausendfach übergeben? Damit das Erhitzen durch Holzkohle und damit das Abholzen der Wälder gestoppt wird?
Werden die Amerikaner neue Strukturen einführen, mehr Kontrolle bei Behörden, eine bessere Ausbildung und Einweisung von Handwerkerkolonnen, die das öffentliche Wasserleitungs- und Stromnetz restaurieren und überwachen könnten, damit u.a. das private Anzapfen ("eine Prise nehmen", wie der Volksmund sagt) von Strom und Wasser, und die damit verbundene Zerstörung der Leitungen, aufhört?
Jetzt, nach den ersten Wochen der Präsidentschaft und nach der Freigabe der Gelder kann ein erstes Resümee gezogen werden. Um es vorweg zu nehmen: nichts von den o.a. Dingen wurde in die Tat umgesetzt. Der Grund ist augenfällig: die Amerikaner haben andere Zwänge. Sie müssen u.a. die Invasion auf Haiti aus eigener Tasche und die Kosten für die UNO zur Hälfte bezahlen. Deshalb können sie großzügig den Haitianern das Geld versprechen; denn die Amerikaner bestimmen, wofür das Geld ausgegeben wird: zuerst einmal für die Stationierungskosten der UNO und die der Amerikanischen Militärpolizei, pro Tag knapp eine Million Dollar! Ein Jahr sind die Amerikaner schon hier, ein Drittel des Geldes ist mithin schon weg! Als nächstes wird die Stromversorgung, welche die (reichen) Hausbesitzer am meisten interessiert, mit amerikanischen Generatoren saniert. Da profitieren amerikanische Firmen jetzt - und in all den nächsten Jahren, wenn teure Reparaturkosten anfallen.
Die Straßen werden erneuert. Doch nicht mit einem Heer von Einheimischen, sondern mit nagelneuen amerikanischen Schwertransportern (Stückpreis knapp eine halbe Million US-Dollar) und Bulldozern (Stückpreis 1 Million). Sie werden hundertfach aus den USA geordert, rauschen über die Felsenpisten und glätten die Straßen in wenigen Wochen. Das ging schnell, Erfolgsmeldungen häuften sich, die Statistik jubelt!
Doch schon jetzt, nach wenigen Wochen, werden erste Zerfallserscheinungen sichtbar: überladene LKW's und Regenwasser reißen das Straßenbett Stück für Stück wieder auf. Nicht bedacht wurde außerdem, dass die starken Monsunregen den aufgetragenen Schotter lösen und die Gräben mit Schlamm und Lehm zuschwemmen. Werden in einem Jahr die amerikanischen LKW's noch fahrbereit sein, wenn eine neue Sanierungswelle erforderlich ist?
Besser wäre es gewesen, so einheimische Fachleute, Straßenkolonnen auszubilden, die mit Spaten und Picke (Stückpreis 10 Dollar) Meter um Meter planieren. Diese Leute könnten, weil sie die Arbeit gelernt hätten, später die Straßen selbst renovieren, es wären keine (teuren) Maschinen aus dem Ausland vonnöten. Das Geld für spätere Reparaturen könnte aus Straßenbenutzungsgebühren aufgebracht werden. Solche Gebühren würden auch mit dafür sorgen, dass die tausendfach benutzte Holzkohle aus dem Hinterland verteuert wird und durch Gas, Kerosin oder Sonnenkollektoren ersetzt werden könnte. Das Baumsterben würde verlangsamt.
Dass es immer noch Bäume gibt, das liegt in Haiti an den (so oft geschmähten) reichen Haitianern. Sie sehen es als Ehre an, möglichst viele Bäume auf ihren Ländereien zu haben und wetteifern damit untereinander.
Haiti muss an die Weltbank in den nächsten vierzig Jahren nebst Zinsen und Zinseszins mehr als eine Milliarde US Dollar zurückzahlen. Hat Amerika, hat die Weltbank, damit ein weiteres Land auf seiner Schuldenliste und kann so westliche Wünsche diktieren? Bisher, das muss ausdrücklich festgestellt werden, war Haiti eines der wenigen Länder, die keinerlei Auslandsschulden hatten (Anmerkung: wahrscheinlich, weil keiner ihnen etwas leihen wollte.)
In Las Cahobas wird ein Krankenhaus gebaut. Welch ein Aufwand! Wer soll denn später den Unterhalt bezahlen? Und für wen ist das Krankenhaus bestimmt?
Die zwei Kranken pro Monat wurden bisher ins Krankenhaus nach Port-Au-Prince gebracht. Die übrigen Blessuren behandelt ein Arzt in seinen Privaträumen; in denen oft gähnende Leere herrscht. Oder steckt Absicht dahinter: zuerst werden die Straßen schnell gemacht und dann braucht man Krankenhäuser, um die Unfallopfer wieder hinzuflicken?
Wasserträger: Stirbt ein ganze Berufszweig?
Auch die Chance, Haitis Landwirtschaft, Wirtschaftsfaktor Nr. l, wirksam zu unterstützen, wurde vertan. Ein Grund könnte sein, dass Amerikas Überschuss an Getreide und Fleisch hier günstig vermarktet werden kann. Die Amerikaner legen die Einkaufspreise fest und bezahlen sich selbst aus dem Weltbankkredit. Wer hat da Interesse an einheimischer Landwirtschaft?
Die Elektrizität wird mit Öl erzeugt, welches Haiti jetzt und immer aus Amerika beziehen muss. Sonne und Wasser, beides in Haiti im Überfluss vorhanden und von deutschen Firmen schon vor fünfzehn Jahren in der Nähe von Belladaire erfolgreich zur Stromerzeugung genutzt, stehen keinesfalls auf der Planungsliste der Amerikaner. Der Grund ist klar: die Sanierung Haitis soll ein amerikanisches Geschäft werden; heute und später, wenn Folgeaufträge (Reparatur, Sanierung) nach Amerika gehen müssen.
Die Probleme der wirklich Armen, der Aufbau der Landwirtschaft oder Abbau der Arbeitslosigkeit, daran zeigt niemand großes Interesse. Es gibt nur wenige neue Arbeitsplätze. Und wenn, dann nur für bestens ausgebildete Leute mit englischen Sprachkenntnissen. Doch in Haiti wird französisch gesprochen. Wer kann die (teuren) Fortbildungslehrgänge für die englische Sprache bezahlen?
Auch die Wasserversorgung, die ebenfalls weiträumig saniert wird, kommt in erster Linie den Reichen zugute: in den Häusern der Armen ist eh kein Wasser- und Stromanschluss. Ein weiterer Berufszweig könnte aussterben: Wasserträger hatten sich bisher ein Zubrot verdient, um das Wasser von Haus zu Haus zu tragen. Will jetzt ein Armer Wasser haben, dann bekommt er es aus den Häusern der Reichen; gegen Entgelt, versteht sich!
Jeder kennt irgend jemanden, alle bemerken es, viele sprechen darüber, Rundfunk und Fernsehen sind Privatbetriebe und an keinerlei staatliche Interessen gebunden: erste Proteste werden laut, Revolutionäre fordern Arbeit, Militärpolizisten schießen auf die Nationalen Polizisten - weil die doppelt soviel Geld verdienen?
Oder war es umgekehrt?
Die Unruhe wächst:
Es ist nicht mehr so, dass die Amerikaner willkürlich fremden Ländern ihre Lebensweise aufdiktieren können. Haitianische Ärzte arbeiten in Amerika, haitianische Ingenieure in Frankreich. Sie alle stehen untereinander in Kontakt und besprechen ihre Probleme und die Probleme ihres Landes öffentlich und lautstark. Auch wenn Haiti arm ist, so sind doch die Haitianer stolz auf ihr Land und selbstbewusst genug, es gegen fremde Interessen zu verteidigen.
Noch ist die Mehrzahl der Haitianer an Amerikas Hilfe interessiert. Wenn aber die Amerikaner weiter so an ihren Interessen kleben, dann wurde lediglich, so ein Einheimischer, „die Militär-Diktatur durch eine amerikanische ersetzt". Wenn weiter nur Versprechungen gemacht und vorrangig den Reichen bei ihren Bedürfnissen geholfen wird, dann könnte die Symphatie für die UNO Hilfe schnell in Antipathie umschlagen.
Der einstmals heißgeliebte Altpräsident Aristide hat dies am eigenen Leib leidvoll in vier Jahren erfahren müssen.
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